Dienstag, 9. September

Bevor ich gestern schlafen gegangen bin, musste ich noch eine Wäsche anstellen. Das ganze Stockwerk teilt sich eine Waschmaschine und einen Trockner, man muss also günstige Uhrzeiten wie z.B. ein Uhr nachts wählen, um garantiert einen Waschplatz zu bekommen. Je Maschine zahlt man 20$TD, also 60 Cent, und gibt sein eigenes Waschpulver rein. Ungefähr 30 Minuten warten, dann ist die Wäsche fertig. Wer den Trockner nicht benutzen will, kann die Wäsche auch neben der Waschmaschine aufhängen. Ich traue der feuchten Luft aber nicht, daher nutze ich den Trockner.

Seit das Semester begonnen hat, sind glücklicherweise auch die Öffnungszeiten der Cafeteria expandiert, bis 11:30. Uhr. Ich will etwas Neues ausprobieren, auf Empfehlung meines MBs Sky bestelle ich einen Burger, den billigsten mit Ei, während bei allen anderen Fleisch drauf steht. Großer Fehler. Als ich gemütlich in meinem Bett sitze und den Burger auspacke, ist da trotzdem Fleisch drauf. Dann treffe ich eine Entscheidung, die ich in Deutschland niemals treffen würde. Weil ich so sehr Hunger hab und bald los muss, esse ich ihn einfach trotzdem. Widerwillig, und es bleibt hoffentlich auch das letzte Mal. Ich weiß halt auch, dass die einzige Alternative wieder der Toast gewesen wäre, oder irgendwelche Thunfischbällchen. Ich habe in meinem Schrank außerdem noch ein Rosinenbrötchen aus dem Convenience Store, das macht aber höchstens halb satt.

Cafeteria: Rechts die Frühtückstheke, weiter hinten gibt es später Mittagessen
Burger von der Frühstückstheke
Rosinenbrötchen in Riesen-Muffin-Form

Da mich das Uni-System nicht lässt, muss ich heute in mein Department gehen, um die Sportkurse zu organisieren.

Mit einem Uni-Bike über den Campus

Überraschenderweise finde ich es ohne Problem, es ist ein 5-Schreibtisch-Büro mit großer Öffnung zum Flur im dritten Stock eines der überall gleichaussehenden Unterrichtsgebäude. Die Air Condition und zugezogene Vorhänge sorgen für eine angenehme Stimmung. Als ich hereinkomme, plaudern zwei Typen gerade irgendwas auf Chinesisch, aber sie winken mich freundlich herein und fragen mich, ob ich bei irgendwas Hilfe benötige. Ja, weil ich meine Sportkurse nicht so wählen kann, wie ich möchte. Die Zuständigkeit wandert über zu einem Kollegen mit grauen Haaren und eckiger Brille, der anscheinend kein Englisch kann, sich dafür aber 10-15 Minuten lang am Kabeltelefon bemüht, meinen Wunsch zu erfüllen. Immer wieder reden die Büromitarbeiter untereinander. Ich werde gefragt, welchen Kurd ich wählen möchte, ich zeige ihnen die „Archery-class“, aber die ist mittlerweile schon voll. Bleibt noch der Billardkurs. Als sie checken, dass ich exchange student bin, sagen sie mir, dass ich gar nicht verpflichtet sei, einen Sportkurs zu belegen. „But I want to“, daraufhin großes Gelächter. Der Billardkurs findet auf „Cijin Island“ statt, und ich werde gefragt, „do you really want to go to Cijin Island??“ Okay, es ist schon weit weg (bestimmt 1:20-1:30h mit Öffis), aber ich könnte die Zeit dann dienstags nutzen, um den Tag in der Stadt zu verbringen, da mein Mandarinkurs am Abend auf einem anderen Campus ist.

Letztendlich schaffen die Büroleute es wohl nicht, mich in den Kurs zu packen. Dafür bekomme ich die Anweisung, es ab 17. September nochmal zu probieren. Da wirkt ziemlich spät auf mich, aber wenn die es so sagen, muss ich darauf vertrauen.

Gerade will ich gehen, da kommt ein Professor rein und fragt mich, ob ich der deutsche Austauschstudent bin. Ich bejahe, und er stellt sich freundlich als „Professor Weng“ vor. Er hat mitbekommen, dass ich nach „design classes“, sprich Entwurfsfächern gefragt habe, und es tut ihm Leid mir mitteilen zu müssen, dass diese Hochschule keine entsprechenden Fächer anbietet. Es gibt zwar basic Kurse in die Richtung, allerdings werden die dieses Semester auch nicht angeboten. Als wäre das ein äquivalenter Ausgleich, erzählt er mir von ein paar Gebäuden in der Stadt, die architektonisch interessant sind (das „Art and Culture Center“ und das „Music Center“, bei beiden war ich bereits) und die ich mir ansehen könnte. Jedenfalls fokussiert die Hochschule sich quasi ausschließlich auf den Konstruktionsaspekt; etwas, das die BHT in Berlin mir ruhig hätte erzählen können. Trotz allem wünscht Professor Weng mir eine gute Zeit in Taiwan und stellt sich bereit, mir bei allen möglichen Fragen helfen zu wollen.

Mülltrennung im Department: Alles nur Greenwashing angesichts der großen Allestonnen vor meinem Dorm?

Ich vertraue nicht so ganz darauf, ab 17. September (nächste Woche Mittwoch) noch in einen Sportkurs zu kommen, also werde ich heute zum Bogenschieß-Kurs gehen und fragen, ob ich trotz voller Teilnehmerzahl irgendwie teilnehmen kann.

Der Bogenschießplatz befindet sich direkt hinter dem Motorradstellplatz am Boys-Dormitory, ich muss also keine Minute laufen, um hinzukommen. Ein paar einzelne Schüler stehen schon im Schatten eines Unterstandes am Rand, einer bejaht meine Frage, ob das der richtige Kurs sei. Der vielleicht 30-40 Meter lange Platz sieht ein bisschen verkümmert aus, in der sengenden Hitze ist er von drei Seiten umzäunt und abgesehen von drei Schießanlagen komplett leer. Ausrüstung kann ich auch nirgends erkennen. Wenig später trifft der Lehrer gemeinsam mit einer Art Tutor ein. Er selbst trägt Jogginghose und ein kurzes Polo-Shirt, die Glatze und die Sonnenbrille komplettieren seinen Look. Der Tutor ist sehr groß gewachsen, trägt kurze Sportsachen über langer Thermowäsche und wirkt etwas zurückhaltend, im Gegensatz zum Coach, der Autorität, aber auch sehr viel Spaß ausstrahlt. Dieser fängt sofort an, irgendwas schnell auf Chinesisch zu reden, bis er irgendwann leicht grinsend auf mich zukommt. Auf Englisch erkläre ich, dass ich dem Unterricht gerne beitreten würde, ein Student übersetzt ganz grob, dass ich dann nach der Stunde mit ins Office kommen soll. Wir werden aufgefordert, den Line-Code des Lehrers zu scannen und Gruppen zu fünf Leuten zu bilden. Die Jungs neben mir, die ein paar Sachen übersetzt haben, nehmen mich auf. Gar nicht mal so wenige Studierende sind in Jeans oder generell langärmligen Klamotten aufgetaucht; warum, ist mir ein Rätsel.

Nach einer Anweisung gehen auf einmal alle zu den Motorrädern und der Coach verschwindet. Gerade so kann ich noch jemanden fragen, wo es denn hingeht, und mitteilen, dass ich kein Motorrad besitze. Ein Junge nimmt mich netterweise mit. Ohne Helm auf dem Rücksitz rasen wir über den Campus, nur um beim Schwimmbad-/Gym-Haus wieder anzuhalten. Ich werd noch verrückt hier. Nicht nur, dass anscheinend jeder Einzelne hier ein Motorrad besitzt und das mitgebracht hat. Auch eine Strecke von zwei Minuten Fußweg mit motorisiertem Gefährt zurückzulegen, ist wild. Also, alle steppen in das Gebäude rein, und der Coach (dessen Namen ich noch nicht kenne), verteilt etwa 8 Bögen mit Köcher auf die Gruppen. Auf der Gartenseite des Hauses sollen alle ihre Sachen ablegen und sich in Armlänge Abstand zur nächsten Person aufstellen.

Es folgen 40 Minuten Trockenübungen, bevor es weitergeht. Leicht erhöht auf einer Treppe, macht der Lehrer erst vor, wie man den Bogen zu spannen hat. Die Bogenschnur hat an jedem Ende eine Schlaufe, die für entsprechende Rillen am Bogenende vorgesehen sind. Die eine fittet man direkt, und um Spannung raufzubekommen, muss man den Bogen gegen seinen Fuß stemmen und biegen, bis das andere Ende der Schnur in die dazugehörige Rille rutscht. Direkt ein kleiner Kraftakt. Jeder darf einmal, dann geht’s weiter.

Als Nächstes üben wir ohne Bogen, wie man den linken Arm zu benutzen hat. Da dieser den Bogen hält, ist das wohl der einfachere Part, im Grunde genommen möglichst ausgestreckt und ruhig halten. Der rechte Arm führt das Pfeilende und zieht diesen gemeinsam mit der Schnur nach hinten, wobei man darauf achten sollte, dass der Arm stets waagerecht etwa auf Kinnhöhe bleibt. Die rechte Hand bekommt außerdem einen Fingerschoner, mit dem man die Haut vor Schmerzen beim Spannung aufbauen verschont. Jeder drei mal üben: „Practise, take photo, practise“; danach weitergeben. Mr. Obercool macht es vor:

Die Quintessenz verstehe ich auch ohne Mandarin
Im Vordergrund meine Gruppe: der Coach geht herum und hilft, wo Bedarf ist

Je nach Können sollte man Bögen in verschiedenen Stärken/Härten wählen, 18 bis 20 lbs angeblich für Anfänger. Tatsächlich bekomme ich den Bogen ohne große Mühen am weitesten gespannt, was vermutlich eher mit meiner Körpergröße im Vergleich zu den anderen zusammenhängt. Die Lorbeeren ernte ich aber gerne.

Spanne ich richtig?

Kurz vor Schluss kommen Sebastian und Anna vorbei, Sebastian hatte überlegt sich auch einzuschreiben, belässt es jetzt aber beim Zugucken. Der Coach sagt noch ein paar Sachen, über die herzlich gelacht wird. Ein Mitstudent namens Jason (sein English name) übersetzt für mich: Wir werden im Laufe des Semesters competitions durchführen, und dabei sowohl einzeln als auch in Gruppen antreten. Für nächste Woche hat er sich aber erstmal vorgenommen, uns das Schießen auf ein Ziel aus 5 Metern Entfernung beizubringen. Ein anderer ergänzt, dass die Profis teilweise aus 70 Metern oder mehr schießen, während unser Semesterziel wohl bei 15 Metern liegt (das entspricht auch ungefähr dem, zu was der Schießplatz fähig zu sein scheint).

Die ganze Gruppe bei der Übung

Nach Ende komme ich mit dem Lehrer noch in sein Office, das sich im Gebäude hinter unserer ersten Stunde (s.o. Bild) befindet. Dort sind außerdem das Schwimmbad und das Gym. Ich (und ein paar wenige andere) muss mich in einen Zettel eintragen, um für den Kurs eingeschrieben zu sein. Da steht schon wieder kein Wort Englisch, also lasse ich den Kugelschreiber mitgehen. Nur Spaß, ich hab echt ein Faible für das Klauen von Kugelschreibern. So wie ich es verstanden habe, geben die Sportkurse hier gar keine Credits, müssen von den normalen Studenten aber pflichtmäßig belegt werden.

Okay, was ist jetzt was?

Ich chille kurz im Dorm und esse das Mittagessen, das ich mir vor dem Kurs auf Vorrat geholt hatte (durch das Klima ist es zum Glück immer noch lauwarm). Dann treffe ich Bugi (Sebastian) und Anna im Gemeinschaftsraum und wir machen uns auf den Weg zum Nanzih-Campus, an dem unser erster Mandarin-Kurs stattfinden soll. Der Bus, den wir diesmal erwischen, ist im Vergleich zu den bisher teils provisorischen Sessellenkern ein richtig modernes Gefährt. Eine digitale Anzeige, die die nächsten Stationen im Voraus angibt, generell mehr Platz und aus irgendeinem Grund hat der Busfahrer ein Special-Edition-Lenkrad.

Lustiges Lenkrad, und: ausschließlich digitale Rückspiegel

Ich sehe den Nanzih-Campus zum ersten Mal und bin begeistert. Man merkt direkt, dass hier das meiste Geld der Uni reingeflossen ist, zumindest was die Bauwerke angeht. Ein riesiges Eingangstor imponiert vor einer sehr ordentlich angelegten Grünanlage und generell einer Gebäudeharmonie, wie ich sie in Kaohsiung bisher noch nicht gesehen habe.

Eingangstor am „Nanzih“-Campus

Was mir definitiv am meisten gefällt, sind die Farben der Gebäude, die sehr warm wirken und gut in das Klima der Region passen. Abgesehen davon, dass alle im gleichen Stil gebaut sind und noch ziemlich neu aussehen. Ich sehe kein einziges Flachdach, die Stockwerke sind m.E. höher als am First Campus (bei mir) und das, was man als typisch asiatisch empfindet – nämlich dass die Dachenden wieder leicht nach oben gehen – , ist neben einigen Bogensegmenten ein sehr prägendes Element.

Saubere und symmetrische Anlage
Haus 06A, in dem wir später Unterricht haben werden
Hohe Säulen

Weiterhin fällt mir positiv auf, das endlich mal keine Fliesen als Außenfassaden verwendet wurden; an denen habe ich mich mittlerweile wirklich sattgesehen… Sogar Putz entdecke ich – ach ne, hier wurde nur der Beton übermalt. An einigen Stellen blättert die Farbe auch schon wieder ab, trotzdem macht das so viel her, die Farben sind finde ich auch stark gewählt.

Ist das Putz? …
… nee …
… angemalter Beton

Die Fächer, die hier unterrichtet werden, klingen auch spannend. Das „Department of Hydrospheric Science“ etwa oder das im nächsten Bild folgende.

Man kann das studieren???

Unseren Unterrichtsraum finden wir nur mit fremder Hilfe, dass Raum 7103 sich im Gebäude 06A befindet, widerspricht in meinen Augen nämlich jeglicher Logik.

Dazu müssen wir in den U-förmigen Innenhof gehen, und direkt an der Seite warten auch schon andere darauf, dass es losgeht. Obwohl der Kurs von 18:30 Uhr bis 20:15 Uhr gehen soll und es entsprechend schon dunkel ist, sind die Vorhänge zugezogen und vor allem durch die Haupttür sehen wir das grelle LED-Licht des Raums.

Unterrichtsraum von außen

Weil an der Decke die Ventilatoren schon ihre Kreise ziehen, zieht es uns in die gemütliche Kühle. Der Raum ist wesentlich größer als nötig (er fasst bestimmt über 50 Plätze), bei ungefähr 12 Teilnehmenden, und das macht sich schnell bemerkbar. Die Lehrerin (sie stellt sich nicht vor) ist eine nicht besonders auffällige, eher unsichere Taiwanesin, die, obwohl sie wie die meisten Lehrenden an der Uni ein Mikrofon benutzt, eindeutig zu leise ist. Letzteres funktioniert auch nicht wirklich und ich verstehe sie sogar besser, als sie direkt zu uns spricht. Alle müssen einzeln zu ihr nach vorne kommen, um in der Checkliste abgehakt zu werden. Bugi (Sebastian) und ich stehen natürlich nicht drauf (ich hab’s schon irgendwie erwartet), aber kein Problem, wir schreiben uns einfach dazu. Anna muss den Kurs verlassen, als die Lehrerin nach mehrfachem Nachfragen versteht, dass sie keine Studentin ist. Der Check-In-Prozess dauert eine ganze Weile, da bleibt genug Zeit zum Labern und um sich im Raum umzusehen.

Warten, bis die Formalitäten geklärt sind – Mandarin I für blutige Anfänger

Alle anderen Studis im Raum sind asiatischer Herkunft, einige Richtung Indien/Bangladesch/Pakistan, andere eher Vietnam/Indonesien/Thailand. Kurz spreche ich mit einem Inder, der Priyanshu heißt, er belegt den Kurs mit mehreren seiner indischen Freunde zusammen. Ein anderer, der direkt hinter mir sitzt, tippt mich an und fragt, wo ich herkomme. Ich stelle mich vor, Leo. Gegenfrage. Er heißt Tiger, kommt aus Thailand und ist gleichzeitig halb Chinese. Das heißt auch, dass er bereits Mandarin kann, sein Plan ist es aber, sich dumm zu stellen, denn er braucht nur die Credits des Kurses. Besonders schlau stellt er sich aber wohl nicht an, denn als er aufgerufen wird, redet er erstmal zwei Minuten lang Chinesisch mit der Lehrerin. Sie beordert ihn sobald in Mandarin IV, auch wenn er in den nächsten 10 Minuten mehrfach nach vorne geht und tatsächlich auf Englisch mit ihr redet. Während die anderen aufgerufen werden, quatschen wir (zu dritt) und ich merke schnell, dass wir auf einer Wellenlänge sind. Er ist überrascht, dass wir schon so alt sind (23 und 28), er selbst ist 22. Seiner Meinung nach sehen Europäer immer sehr jung aus. Ich erwidere, dass das doch eigentlich für Asiaten gilt. Er verneint. Als ich das auf asiatische Frauen spezifiziere, lacht er. Schließlich muss Tiger die class verlassen, er verlangt noch nach unserem Insta, bietet an, uns mit Chinesisch zu helfen und fragt, ob wir rauchen. „Smoke what?“ „Zigarettes“. „No thanks“. Jetzt gibt’s erstmal 10 Minuten Pause, wo wir ihn noch kurz sehen, dann ist er weg. Priyanshu erzählt Bugi und mir stolz, dass er sich auch auf eine deutsche Uni beworben hatte und ein bisschen Deutsch gelernt hat. Nach Beispielen gefragt, bekommen wir ein „Ensodigo“, was auf Nachfrage Entschuldigung heißen soll.

Dann fängt der Kurs aber richtig an. Als wir (eine Minute) zu spät wieder reinkommen, ist sie schon voll dabei. Im Eiltempo gehen wir als erstes die wichtigsten Grammatikregeln der chinesischen Sprache durch, wobei die chinesische Grammatik immer in englischen Wörtern angewendet wird, damit wir es besser verstehen. Schließlich kennen wir ja noch kein Wort auf Chinesisch. Ganz die alte Routine, fotografiere ich mir jede Folie ab, zum möglicherweise in der Galerie verrotten (und nie wieder anschauen) verdammt. Ne aber im Ernst, diesmal schaue ich sie mir wiiirklich nochmal an. Im Folgenden drei Beispiele:

Den Satz chronologisch aufbauen
Den Satz von groß nach klein aufbauen
Keine Artikel!

Schnell dröhnt mein Kopf von dem ganzen schlechten Englisch, welches wir zum Verstehen der Grammatik verwenden. Ein kleiner Yoda in meinem Gehirn sagt die ganze Zeit Sachen wie „he car, expensive“ oder „He no say word“.

Dazu ist die Lehrerin selbst dem Englischen nicht allzu mächtig, jedenfalls lässt sie uns Studenten die ausführlichen englischen Erklärsätze vorlesen. Als Nächstes bekommen wir einen Zettel mit englischen Sätzen, in denen wir Wörter rausstreichen und die Sätze umbauen sollen, bis die Grammatik der Mandarin-Grammatik entspricht. Ich stelle eine Frage bzgl. einer Regel, sie versteht aber nicht wirklich was ich meine, und dann der dritten Rückfrage gebe ich es auf. Die Übung selbst ist aber echt cool, das bringt mich wirklich zum Nachdenken über die Regeln.

Gegen Schluss werden uns noch ein paar Schriftzeichen gezeigt und erklärt, wie sie entstanden sind. Allgemein ist die chinesische Sprache wohl um die 4000 Jahre alt, und die meisten Schriftzeichen entstammen Piktogrammen aus Höhlenmalereien bzw. Höhlenschriften, die im Laufe der Zeit abstrahiert und auch kombiniert wurden (bspw. ist das kombinierte Zeichen von „Hand“ und „Auge“ das „Sehen“-Zeichen). Auch diese Erklärweise finde ich sehr einleuchtend und es macht Spaß, als sie Karteikarten mit den ursprünglichen und den offiziellen Schriftzeichen hervorholt und mit uns übt, welche Bedeutungen sie haben. Die ursprünglichen Zeichen kann man sich in einigen Fällen sogar herleiten wie bspw. bei dem Zeichen für Mensch/Person, das tatsächlich an eine Figur als Strichmännchen erinnert. Andere Zeichen wie das für Baby (besonders durch einen Kreis am Ende eines Strichs, was für den großen Kopf von Babys steht) kann man verstehen, aber nicht unbedingt von selbst darauf kommen. Insgesamt habe die chinesische Sprache angeblich über 100.000 Schriftzeichen…

Sehr einleuchtendes Schriftzeichen für „Berge“
Auch das für „Auge“ kann man noch verstehen
Jetzt hört’s aber auf! Geht’s noch?
Kombiniertes Schriftzeichen für „Sehen“: die „Hand“ über dem „Auge“, als würde man Ausschau nach etwas halten

Dann ist der Kurs vorbei, als Hausaufgabe sollen wir uns 16 neue Vokabeln (nur die Schriftzeichen) einprägen/lernen. Ich hoffe, das wird noch mehr, denn so werde ich am Semesterende gewiss noch kein Profi sein. Wegen des Kurses bin ich noch zwiegespalten: einerseits scheint die Lehrerin nicht die beste Hilfe zu sein, ihre Lernmethoden überzeugen mich aber schon zu einem gewissen Grad. Wir haben uns aber zum Glück für noch einen Mandarinkurs am Freitag eingetragen, und morgen soll auch einer stattfinden, bei dem wir vorbeischauen wollen. Je mehr, desto besser. Außerdem findet morgen endlich mal eine Einführungsveranstaltung für International Students statt, das sind zwar nicht direkt wir (im Gegensatz zu den exchange students absolvieren die international students ihr gesamtes Studium an der NKUST), aber es gibt bestimmt gute Möglichkeiten, sich zu vernetzen.

Wir treffen Anna, die sich die Zeit in der Bib totgeschlagen hat, und suchen uns etwas zu essen. In einer Straße 10 Minuten entfernt stehen viele Essensstände nebeneinander, ohne dass man das einen Night Market nennen könnte. Wir holen uns jeweils ein Reisgericht und Bubble Tea und suchen einen kleinen Park, in dem wir uns an einen Steintisch setzen, um zu essen. Laut Anna sind die Tapioka relativ gesund, da sie rein pflanzlich sind, dazu haben sie eine Menge Kalorien. Auf einem Mini-Basketballplatz spielen zwei Jugendliche Federball, ansonsten ist es still. Ab und zu sieht man Blitze den Himmel erhellen, aber das Gewitter wird uns nicht erreichen.

Gerüstverkleidungen dieser Art habe ich jetzt schon öfter gesehen. Sind die Löcher für Luftzirkukation da?
Noch nie gesehen: Schweinsnase (links im Bild)
Abendessen im Park: Eierreis mit Bubbletea

Mein Hunger ist groß, in weiser Vorausschau hab ich vorhin beim 7/11 für Nachschub gesorgt. Ein Reisdreieck (der korrekte Name fällt mir nicht mehr ein) in Seeblättern eingewickelt (Füllung: Kleinkrabben) und, nur weil ich es probieren wollte, „Hard Boiled Quail Eggs“, die in der Verpackung offen gesagt aussehen wie ein Dickdarm. Sie wirken dann aber doch nicht mehr so eklig, als die beiden mir sagen, dass Quail gar nicht Qualle, sondern Wachtel heißt. Die Eier schmecken fast wie Hühnereier, nur dass der Rand deutlich härter ist.

Just wanted to try: Wachteleier und Reisdreieck

Wir reden noch eine ganze Weile und lassen den Abend gut ausklingen. Die beiden müssen sich bald endgültig für eine Wohnung entscheiden, sie fragen mich sogar nach einem Ratschlag. Nach Sichtung der beiden Anzeigen stehen sie in meinen Augen vor zwei sehr guten Angeboten. Jeweils im x-ten Stock eines Hochhauses, würden sie für deutsche Verhältnisse Spottpreise zahlen und verhältnismäßig hohen Luxus genießen. Ich rate aber stark zu Wohnung eins, die nochmal deutlich höher liegt, näher an der Red Line (die verkehrstechnische Lebensader der Stadt), und sowohl Pool als auch Gym im Haus zu bieten hat. Sie ist zwar noch nicht möbliert, aber die Besitzer kaufen im Lauf der Tage noch Möbel. So oder so ist das im Vergleich zum Dorm eine ganz andere Welt.

Ich muss dann los, meinen letzten Bus bekommen, der mich aber im Stich lässt. Mit 16% Akku bin ich gezwungen, auf den Fahrraddienst U-Bike (so wie Nextbike in Berlin oder Vélib in Paris) umzusteigen, wenn ich nicht 70 Minuten laufen will. Das Einrichten der App ist stressig, aber am Ende kann ich per Kreditkarte das Fahrrad aus der Halterung lösen und losdüsen. Das Entsperren hat mich 3 Cent und die weitere Fahrt am Ende 14 Cent gekostet, das werde ich ab jetzt bestimmt öfter nutzen. Vor allem sind die Fahrräder gerade im Vergleich zu den Berliner oder Pariser Äquivalenten besonders funktionsfähig, kein einziges ist kaputt und alles fühlt sich noch wie neu an.

Letzte Hoffnung, wenn die Öffis schon Feierabend machen: U-Bike

Die Straßen, die ich befahre, sind gespenstisch leer. Nur die ab und zu vorbeiziehenden Motorräder machen einen Höllenlärm. Grundsätzlich wundert mich immer wieder, wie leer diese Stadt dann doch wirkt, trotz der riesigen Einwohnerzahl.

Fast ganz alleine auf der Schnellstraße

Um kurz nach Null bin ich wieder zuhause. In der Waschküche empfiehlt ein Freund meines Mitbewohners Sky eine App, die zuverlässiger als Maps sein soll, was die Fahrpläne der Busse und Bahnen anbelangt.

Coole Stützstruktur der Metro, am Beginn einer Kurve

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