Über den Mittag bleibe ich wieder im Dorm. In der Mensa wundere ich mich, dass manche Getränke des Tee-Tresens nie verfügbar sind. Ein sehr lecker klingender Erdbeertee bspw. wird mir immer verweigert, weil er angeblich ‚aus‘ ist. Dabei kann ich im Kühlschrank weiter hinten sehr gut sehen, dass der Erdbeersirup zur Genüge da ist. Was soll’s, dann wird halt wieder der goldene Apfel-Milch-Tee.
Um vier Uhr will ich mich mit Hasan am Carrefour treffen, um die letzten Besorgungen (vor allem Essen) für die Wanderung zu erledigen. Bei aller bisher gezeigter Pünktlichkeit kommt er heute mal zu spät, was er aber glaubhaft auf den Bus schieben kann. Generell muss ich sagen, dass Hasan sehr vorausschauend und verantwortungsvoll agiert. Die Erlaubnis für die Bergregion, unsere Zugtickets, die Wanderrouten, seine Ratschläge für meine Fahrradtour – alles hat er organisiert, bevor ich mich selbst darum kümmern konnte/musste, sehr zuvorkommend. Als er aufgeraucht hat, begeben wir uns erneut in die Kaufhölle aus Decathlon und Carrefour inmitten von Spielmaschinen, Cafés und Restaurants. Besorgt werden Taschenlampen, Metalltassen und ein Thermo-Sleeve für mich. Als Proviant werden Porridge, Dosenfisch, Instant-Nudeln und getrocknete Früchte dienen (die in Taiwan vergleichsweise billig sind) sowie natürlich 7/11-Nahrung, die man sich zwischendurch holt. Hinter der Kasse scheitert Hasan am Versuch, die Kassiererin über seinen Kaffeewunsch zu informieren, wir setzen uns dann einfach mit ein paar Teigtaschen an den Tisch nebenan.

Im Anschluss beeile ich mich, zur Jungs-WG zu kommen, um meinen Rucksack rechtzeitig abliefern zu können. Hasan hat derweil für sein Praktikum zu tun, Alkohol würde er aber sowieso nicht trinken. Im Eingangsbereich des großen Wohnhauses grüßt mich ein Angestellter, als ob er mich bereits wiedererkennen würde. Viel eher dürfte er schlich keine Ahnung haben, wer hier so wohnt. Während ich darauf warte, dass Fabian mich abholt und hochbringt, geistert ein kleines Kind barfuß durch den Flur und hat den Spaß seines Lebens. Laut schreiend und mit einem Karton in der Hand läuft der bestimmt erst 3- oder 4-jährige Junge um die Ecke zur Rezeption. Von dort erklingt immer wieder ein dumpfes „Uuaah“ und daraufhin rennt der Junge lachend um sein Leben, denkt, er wird gefangen. Er drückt Knöpfe an Luftschächten und schmeißt den Pappkarton in die Luft, der dann auf seinem Kopf landet. Schließlich gerate ich in den Fokus: „Mamaaa“ brüllt er mich an, dann wird wieder gekichert. Der Sicherheitsmann kommt schließlich rüber und starrt uns an, als wären wir zusammen hier. Fabian erlöst mich dann und zu viert fahren wir entspannt in Richtung „Bottom‘s up“, die Sportsbar, in der Thursten arbeitet und in der wir letzten Sonntag das Formel-1-Finale geschaut haben.
Trotz ordentlich Verspätung sind wir die ersten aus der wild gemixten Truppe, die eingeladen wurde. Wenig später erscheint der halbe „Consumer Behavior“-Kurs: Himhim mit einem Kumpel, Anson, Thursten, Charly und Sidd, der sich gebannt an den großen Tisch setzt, als ob gleich ein Event starten würde. Das Angebot, Cherry Brandy zu trinken, lehnt er lachend ab, verneint, diesen jemals gekostet zu haben. Wir Deutschsprachigen sind mit der ersten Runde Taiwan Beer bereits durch, Fabian und ich steigen auf Guiness um. Erklärtes Ziel ist es, „das G zu splitten“, man soll mit dem ersten Schluck also so viel trinken, dass der Guiness-Schriftzug zweigeteilt wird. Dazu gibt es Burger und Pommes, die mehr als nur Barsnacks sind und richtig gut schmecken. Obwohl es in Europa gerade mal 13 Uhr an einem Freitag ist, laufen wie selbstverständlich Sportevents dieses Kontinents auf den vielen Kneipenbildschirmen. Die Volleyballhalle sieht in meinen Augen aus wie die Max-Schmeling-Halle in Berlin, aber tut das nicht jede Halle? Tatsächlich, bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass wir gerade ein Champions-League-Spiel der BR Volleys sehen, meines angestammten Lokalvereins. Neulich erst sind wieder Emails von meiner deutschen Uni eingegangen, die zum Support aufgerufen haben. Lustiger Zufall.

Himhim (der eigentlich Himhom oder Himhong heißt) kenne ich noch nicht besonders gut, bisher war er mir meist wegen seiner weißblond gefärbten Haare und seiner frechen Art aufgefallen. Die Geschichten von Fabian, Kaan und Philipp haben diesen Eindruck nur bestätigt: Bei der ersten Begegnung soll er Fabian gefragt haben: „Do you think I‘m gay?“ Dieser hatte wohl gezögert, darufhin Himhim: „Why does everybody think I‘m gay?“ Grundsätzlich soll seine Art sehr random und offensiv sein, eigentlich eine gute Voraussetzung für einen Barabend. Tatsächlich dreht es sich schnell um genau dieses Thema: Himhim sei natürlich nicht gay (wie er ab und zu mitteilt), deshalb will er heute unbedingt taiwanesische Frauen ansprechen: „But where are the girls?“ Berechtigte Frage, unser Kreis ist ein einziger Männerstammtisch. Laut den Jungs hat Himhim aber starke Berührungsängste mit Frauen, so dreht er sich vor Scham auch halb weg, als ihm jemand eine Frau vom Nachbartisch vorstellen will, auch wenn sie mit ihrem Partner hier ist. Sie stammt nämlich genau wie Himhim aus Hongkong, was übrigens sein gutes Englisch erklärt und sie können sich immerhin kurz austauschen. Angeblich hören Taiwanesen sofort raus, dass der Fake-Blonde nicht von hier stammt, auch wenn sich sein Chinesisch in meinen Ohren gut anhört. Seine Gay-Jokes haben übrigens keinen diskriminierenden Charakter, sondern beziehen sich in erster Linie auf ihn selbst. Thursten kennt Himhims Art und Unsicherheit gut genug, um darin keinen Angriff gegen sich zu sehen.
Nach dem zweiten Guiness steigen wir auf niederländisches Bier um. Ein schönes Detail: Für jede Biermarke stehen individuelle Gläser bereit, die dem Gebräu zusätzlich Charakter verleihen. Bei so vielen Leuten entstehen einige parallele Gesprächsfäden. Fabian verteidigt seine These, dass unsere Generation mehr betrügt und weniger loyal ist als die unserer Eltern, einfach aufgrund von Social Media, das andere Menschen schneller verfügbar macht. Die Taiwanesen reden über ihr Studium und ihre Arbeit (Charly gibt stolz preis, dass er in einem großen Kaohsiunger Hotel kellnert), die Jungs-WG streitet über den besseren Pickleball-, Paddle- und Tischtenisspieler, Himhim redet über Frauen, dann wird über „Shing Shang Shong“ diskutiert und Sidd schließt sich an, wo es gerade passt. Von der Arbeit hat er sich heute freigenommen, denn normalerweise würde er um 21 Uhr beginnen, für seinen Arbeitgeber in Seattle (ein Startup) Konferenzen zu führen. In der Bar fühlt er sich deutlich wohler, wohl auch wegen des männlichen Umfelds. „Boys are way more chill than girls“ hat er mir während unseres Taipei-Trips erzählt, wie ich mich erinnere. So chillig, dass er seinen Nebenmännern wieder die Arme um die Schultern legt. Ein interessantes Detail, das auch Fabian auffällt, nachdem ich ihn darauf aufmerksam mache.

Eigentlich hatte Fabian die Franzosen eingeplant (ein paar wenige sind in den Kursen bei uns, haben aber über eine 14er-Franzosen-WG Kontakte in die NSYSU-Uni). Diese sind aber woanders, weshalb wir dann irgendwann zahlen und weiterziehen. Die Rechnung kann sich sehen lassen, Fabian und ich zahlen beide um die 2000$TD (etwa 55€…). Klar, die Burger hatten deutsche Preisverhältnisse und die Biere sind mit 7€ pro Glas sogar deutlich darüber. Schmerzhaft, aber dafür mache ich das in Kaohsiung ja so gut wie nie. Die paar Gläser intus haben bei Fabian schon zu einigen Klogängen geführt, ich bekomme es spätestens jetzt beim Spaziergang zur nächsten Kneipe zu spüren. Meine Toleranz liegt mehr oder weniger bei null, so viel habe ich seit Monaten nicht mehr getrunken. Es hält sich aber alles noch im Guten, den anderen geht es mit viel weniger großteils genauso. Himhim wurde überredet, nicht nur Bier, sondern auch einen Shot mit allen zu trinken, das setzt ihm sichtbar zu. „Maybe another beer, Himhim?“ ist der running gag.

Die nächste Bar ist so voll, dass und laut Kellner nur der lange Tresentisch an der Straße zusteht. Kein Problem, denn allzu viele Franzosen sind eh nicht mehr da. Dafür andere Europäer, mit denen wir kurze Worte wechseln und ein taiwanesisches Pärchen, das Fabian und mir erzählt, wann sie heiraten wollen. Ein weiteres Bier vertragen wir noch, dann sollte es aber mal gut sein, nicht nur finanziell, sondern auch gesundheitlich. Himhim hat meines Wissens nach nicht mehr getrunken, sitzt aber halbwegs versteinert an der Tischplatte und sagt müde, dass er nicht mehr kann. Fabian, der laut eigener Aussage früher viel introvertierter war und nie Leute eingeladen hat, macht sich Sorgen um alle Eingeladenen, weil er das Treffen organisiert hat. Allerdings ist jeder natürlich für sich selbst verantwortlich und wütend oder enttäuscht ist niemand. So kommen wir kurz in einen für Barsuff typischen Deeptalk-Modus über Beziehungen, das Leben und die Welt. Wir machen aus, im Februar eventuell ein paar Tage zusammen auf den Phillipinen zu verbringen, während Philipp immer noch seine besonderen Witze reißt. Ich mag sein bescheidenes Grinsen immer mehr, das seinen Humor irgendwie einzigartig macht. Kaan beschreibt mit einigen Beispielen gut, was ich meine. Im Prinzip gibt Philipp einfach viel Nonsens von sich, wo man es kaum erwarten würde, oder widerspricht aus Prinzip, um zu ragebaiten. Der Wiener Dialekt lässt ihn dabei abgehoben klingen, so sehr, dass man es kein bisschen ernst nehmen kann. Es veranlasst mich vielmehr dazu, ihn zu imitieren. Auch Fabian steigt ein und irgendwie fronten wir dann alle gegenseitig, im versifftesten Wiener Schmäh. Aus dem wievielten Bezirk Philipp kommt, was die Deutschen denn schon können, wer reicher ist mit wem man sich so umgibt, passt sich das Thema dem intellektuellen Niveau des Ortes an. Auf ernst will Philipp von mir dann aber wissen, mit welchem Berliner Satz er seine Tante beeindrucken kann, die aus Berlin kommt und bei der er mal eine Woche „gewohnt“ hat. Protipp: Ersetze alle „ich“s durch „ick“s, alle „g“s durch „j“s, das ist die halbe Miete.
Allzu lange bleibt die Gruppe nicht mehr, denn irgendwie ist die Zeit rasend vergangen. Die letzte Metro ist zwar noch in Sicht, aber niemand schickt sich an, sie zu bekommen. So laufen wir durch die Straßen, grobes Ziel ist dabei der 7/11 vor dem Hochhaus der Jungs-WG. Obwohl niemand eine richtige Orientierung hat, landen wir früher oder später dort. Das, was in Berlin der Döner im Suff ist, spiegelt sich hier im Foodrausch in convenience stores wieder. Sandwiches, Onigiris (das sind die Reisdreiecke in den Sushiblättern), süße Backwaren, vereinzelte Bananen und Mikrowellenkost verlassen die Kühlregale in Richtung Kasse. Weil fast jeder 7/11 Tische hat, bevölkern wir diese dann auch, bis der Hunger gestillt ist.
Knapp zehn Leute sind noch an Bord, und weil niemand mehr mit Öffis nach Hause kommt, fahren wir um eins, halb zwei mit dem Fahrstuhl in die WG. Dort pflanze ich mich relativ schnell aufs Sofa, während eine Musikbox angestellt wird und grundsätzlich viel Trubel herrscht. Jeder darf Songs reinmachen, meiner wird allerdings von irgendjemandem geskippt. Fabian provoziert mich zu einer weiteren Runde Clash Royale, ich habe ja die letzten acht am Montag verloren. Karma will, dass er jetzt auf die Fresse kriegt, und so geschieht es. Auch im Spiel blufft er hart, aber einen ruhigen, wenn auch betrunkenen Player kann er so nicht besiegen. Grundsätzlich hat der Junge nicht nur Muskeln, sondern ein sehr stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein, was sportliche Fähigkeiten anbelangt. Alles, worüber man redet (Spikeball, Frisbee, Fußball, Rennen usw.), hat er ja schon „hundert mal gemacht“, und das sind nur die Dinge, von denen ich es vorher noch nicht wusste. Echte Wertschätzung bekommt er jedenfalls von seinen Mitbewohnern, besonders von Kaan, der Fabians Ausdauer und Reaktionsfähigkeit lobt. Bestimmt ist das nicht übertrieben, es fällt mir nur auf; ähnlich wie bei Byron, der kann ja auch alles. Aktionen mit der WG machen mir aber großen Spaß, wie ich immer mehr feststelle, und ich bereue ein wenig, nicht schon früher mehr mit ihnen gechillt zu haben. Schließlich sind sie bald weg, schade, aber es ist auch in Ordnung.
Was um mich herum passiert, bekomme ich immer weniger mit, die Müdigkeit kickt genauso wie das Wissen, dass ich morgen früh rausmuss. Ich schaffe es noch, meine Kontaktlinsen auszuhebeln, danach versacke ich wohl im Sofa, zwischen all den anderen.
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