Donnerstag, 1. Januar 2026

Bei Null hält die Musik einmal kurze inne. Dann geht es weiter. Einzelne Batteriepatronen steigen auf und erzeugen bunte, kreisförmige Spektakel, die besonders die Kinder unter den Zuschauern begeistern dürften. Die Musik wechselt alle paar Sekunden, es soll maximales Dopamin getriggert werden. Kurz gesagt, ich habe schon krassere Feuerwerke erlebt. Aber alle freuen sich, und das zählt. Als gefühlt Einziger, genieße ich die ersten Sekunden im neuen Jahr ohne Handy und schaue im Meer aus Smartphones nach vorne und oben in den Nachthimmel. Dann haben viele ihre Aufnahmen gemacht und man beglückwünscht sich. Sidd umarme ich als erstes. Auch wenn die Inder ihr eigenes Neujahr im April anlässlich der Ernte feiern, scheint dieser Tag nicht ganz unbedeutend.

新年快樂 „Xīnnián kuàilè!“

Wir wünschen den Umstehenden, auch ein paar zufälligen Taiwanesen, ein frohes neues Jahr, Sidd nimmt ein kurzes Bro-Sis-Video mit Vanessa auf, dann sprinten zwei auch schon zurück. Das Neujahrsfest an der Dream Mall ist wohl bekannt dafür, dass kurz nach der Show alle Leute zur Metro strömen. Und weil wir noch weiter hoppen wollen, hat Zeit höchste Priorität. So wie Sidd mit seiner Umhängetasche und rosa Hoodie über die Wiese rennt, mit besonderer Betonung auf den Kurven, die er um andere schlägt, sieht er ungelogen wie ein Taschendieb aus. Seine schlaksige Figur und die schnellen Schritte könnten auch aus einem überspitzten Cartoon stammen, in jedem Fall kann man das Verhalten nur als verdächtig einstufen. Er selbst lacht darüber, und unsere Geschwindigkeit zahlt sich aus. Am Stationseingang strömen bereits die Massen und auch wenn es noch so viele Leute sind, bin ich dennoch perplex angesichts der Ordnerzahl. Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ist fast ein untertriebenes Wort, hier arbeitet eine halbe Industrie. Alle fünf bis zehn Meter im Stationstunnel stehen Beamte mit Westen und weisen den linear zu befolgenden Weg. Jede Ticketschranke hat zwei Aufpasser, außerdem sind Handwerker vor Ort und auf den Bahnsteigen wird den sowieso artigen Bürgern geholfen, sich in Einstiegsschlangen zu sortieren.

Um 0:08 Uhr strömt das Volk schon zur Metro

Sidd und ich haben es genau richtig gemacht, bekommen sogar einen Sitzplatz und beobachten, wie das Sichtfeld aufgrund erhöhten Passagieraufkommens immer geringer wird. Minda schreibt mir derweil, dass sie Taiwan verlassen hat, für unsere Begegnungen dankbar ist und dass ich ihr unbedingt Bescheid geben soll, sollte ich jemals nach Indonesien kommen. Das kann ich nur zurückgeben und fühle mich etwas traurig, weil ich gar nicht wusste, wann sie geht.

Julia & Co. sind zum Glück schon beim Rave, sie weist uns an, zu einem FamilyMart vor der Zuoying Station zu kommen. Dafür sendet sie mir die Koordinaten eines Parkplatzes. „Is she afraid of China?“, fragt Sidd. Auch mein Joke mit dem falschen Jahrhundert kommt nicht gut an, meine Entschuldigung verläuft ins Leere. Schwamm drüber, ich hole mir zwei große Dosen Bier und das Wiener Pärchen führt uns tatsächlich auf einen dubios anmutenden Parkplatz nebenan, auf dem ein paar taiwanesische junge Leute Kurzvideos aufnehmen. Was man in der Silvesternacht halt so tut. Obwohl ich das am Boden postierte Handy aus Versehen umtrete, sind sie nicht böse und verpassen unseren Unterarmen eine Art Clubstempel, der uns als Ravegäste klassifiziert. Sascha und sein Anhängsel Juicy warten in der Nähe, gönnen sich Hochprozentiges aus kleinen Fläschchen. Sidds schmerzende Kehle scheint interessiert, er kann sich aber beherrschen. Wir befinden uns hier auf einem seelenlosen Fußgängerweg direkt am Hang des Banpingshan, es sieht nach absolut toter Hose aus. Allerdings dröhnt ein leichtes Wummern durch die Nacht und als wir etwas weitergehen, erscheint eine Holzleiter, die den Weg über die Mauer führt.

Eingang zum New Year‘s Rave

Direkt dahinter befindet sich sozusagen der Vorbereich, Thomas und einige Taiwanesen begrüßen uns. Hier wird getrunken und (Nikotin) geraucht, unter dem dunklen Astwerk des Stadtdschungels. Der Stempel wird auch vom Türsteher mit Taschenlampe nicht kontrolliert, es werden einfach alle durchgelassen. Hinter einem bogenförmigen Gittertor befindet sich ein schwarzer Vorhang, nach diesem ist man in der Location angekommen.

Dunkler Höhöeneingang

Total unerwartet erstreckt sich eine ziemlich große Höhle, auch wenn Julia schon davon erzählt hatte. So wie ich es überblicke, ist das System T-förmig aufgebaut, wobei wir von der Seite rechts oben eintreten. Hier stehen viele Leute und eigentlich ist das immer noch ein Vorbereich, denn die Musik dröhnt vom unteren Ende des T-Strichs, der übrigens niemals Brandschutzvorschriften standhalten würde. Die Gruppe geht direkt zum Epizentrum, ich gehe natürlich mit. Der Gang ist so schmal, dass kaum auffällt, wie wenig Leute in Wahrheit tanzen. 20-30 Leute, schätze ich, sind voll dabei und stauben den steinigen Boden auf, in dem sich neben so einigen Unebenheiten auch metallische Platten befinden. Low-Budget-Beleuchtung untermalt den Underground-Sound, der sowieso bestens zum Bild der Höhle passt.

Blick auf das untere T-Ende der Höhle
Drei Handvoll Leute gehen voll ab
Schnelle Mucke

Xandro erzählt, dass Thomas zu wissen meint, warum es die Höhle gibt und welche Nutzung sie früher einmal hatte. Ich habe mich auch schon gefragt, was hier getrieben wurde, aber ein „Betonwerk“? I doubt it. Weder wüsste ich, wo entsprechende Maschinen platziert gewesen sein sollen, noch, warum man dafür ausgerechnet einen engen Tunnel in den Berg sprengen sollte. Militärische Nutzung scheint mir am plausibelsten, auch wenn es genauso gut ein unvollendetes Infrastrukturprojekt sein könnte. In Alishan jedenfalls sind mir ähnlich Tunnel begegnet, die nie in Betrieb genommen wurden. So oder so sind die Sprengnischen in Wand und Decke super praktisch, um Bier abzustellen, man muss nur gut aufpassen, nicht dagegen zu tanzen. Dazu dürften sie den Widerhall der Musik verstärken, es ist jedenfalls extrem laut. Julia meinte schon zu Beginn, dass für sie alles nach frischer Farbe riecht. Es könnte auch der Muff der Höhle generell sein, aber es vermischt sich sowieso ziemlich viel. Mir fällt außerdem auf, dass keine sichtbaren Kabel verlegt sind, was das ständige Rattern eines oder mehrerer Generatoren erklären könnte, mit denen das DJ-Pult vermutlich läuft.

Nach einer guten Stunde kommt es immer wieder zu Unterbrechungen, die Musik bricht ab und neben ein paar enttäuschten Ausrufen hört man das ständige Rattern der Maschine. Mehrfach bekommt das DJ-Team es wieder zum Laufen, aber durchgängiges Feiern ist etwas anderes. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir außerdem der Gasgeruch auf. Wer weiß, was man hier alles einatmet, gesund wird es nicht sein. Sascha meint, dass alles gut lief, bis Sidd und ich angekommen sind, dann geht es aber auch schon weiter. Sidd hat eine respektable Tanzenergie, was mir seit dem Diwali-Festival eigentlich klar war, mich aber immer noch beeindruckt. Als vorerst Einziger brauche ich noch keine Pause, nutze die Gelegenheit, mal wieder richtig zu tanzen. Mein Pegel von dreieinhalb Bier ist dafür auch perfekt, genau auf meine gesunkene Resistenz abgestimmt. So gut schafft man das einfach nicht jedes Silvester. Irgendwann fällt mir eine Gruppe junger Taiwanesen um Sascha herum auf, die erkennbar laut „Fick dich!“ rufen. Sascha kennt sie ebenso wenig wie ich und sie meinen das auch nicht böse, sondern freuen sich einfach, etwas auf Deutsch zu sagen. Das ist die Gelegenheit, ich geselle mich dazu und steige in den Sprechgesang ein. Wann kann man schon so offensichtlich und gleichzeitig so unbemerkt beleidigen? Alle grinsen und tanzen sich in Extase. Einer von ihnen fragt Sascha per Notizapp, ob er Instagram hat. Glücklicherweise folgt er meinem Tipp und notiert dem Interessierten: „Fick dich“. Irgendwie erfüllt es mich mit innerer Ruhe, Sascha sich wegcringen zu sehen. Besonders, als ich den rein fiktiven „DJ Heizo“ erwähne, der nach dem Drop bestimmt Lines wie „Ich liebe Deutschland“ oder „Verpfänden sie nicht meine Credits“ bringen würde. Herrliche Vorstellung.

Pause muss auch ich irgendwann machen, einfach wegen der absurden Lautstärke. Im Gegensatz zu Julia und Xandro habe ich keine Ohrstecker dabei und erinnere mich mit Schrecken an den letzten CSD in Berlin, von dem ich ein bis zwei Tage schlimme Ohrschmerzen davongetragen habe. Die beiden Wiener übrigens machen sich jetzt auf zum „Oto Basho“, das Julia so sehr in ihr Herz geschlossen hat, dass sie an ihrem diesjährigen Geburtstag am 14. Juni dort selbst auflegen will. Sie belegt jetzt einen Auflegkurs und hat sich mit den Clubbesitzern so sehr angefreundet, dass sie dafür mehr oder weniger schon eine Zusage hat. Rein preislich bin ich da heute raus, außerdem läuft der cave rave jetzt so richtig an. Sogar Dennis hat er hergeschafft und wünscht uns ein gutes neues Jahr. Er drängt sich nach ganz vorne, während Sidd und ich im großen Höhlenbereich entspannen. Aus irgendeinem Grund ist der Boden dort in Kreuzform ausgehoben, wo die Decke besonders hoch ist, ganz als würden wir uns in einer christlichen Grabstätte befinden. Junge Leute sitzen in Gruppen, schießen Fotos und reden so lustigen Slang, weil alle paar Wörter ein englischer Ausdruck dazwischenrutscht. „All foreigners look the same“, greife ich auf und beschwere mich mit hochgezogenen Augenbrauen. Das Mädchen entschuldigt sich sofort, labert aber direkt weiter. „I want to hear music!“ wiederholt sie immer wieder. „I think the engine is not working. … You know, the gas engine, don’t you hear it?“ „What did you take? I‘m a cop and I can arrest you“ sagt sie und fängt laut an zu lachen. Dabei hat sie offensichtlich selbst zu viel getrunken oder genommen. Während tatsächlich zwei Jungs mit riechbar neuem Gastank reinrennen und den Rave wieder in Schwung bringen, torkelt sie nach vorne, setzt sich ihre schnelle Brille auf und springt von einem Bein auf das andere. Hauptsache, sie verletzt sich nicht.

Raucherbereich, Kunstinstallation oder Grabstätte?

Je später, desto härter die Musik und desto schwerer wird es, im Takt zu bleiben. Einige hauen rein, andere stoßen dazu. Dennis, der wohl hart eingesessene, queere Raver aus Buckow vor Beeskow geht aber richtig auf. Schon beim Abendessen hatte er von seinen Lieblings-Queer-DJs erzählt, was ich aber nur für halbe Münze genommen hatte. „DJ Albert“ ist wohl sein Favorit aus Taiwan, wer auch immer das ist. Von dem Gespräch werde ich vor allem erinnern, dass Sascha ihn daraufhin gefragt hat, ob er schon dessen Albert-Ring (oder Prinz-Albert-Ring) gesehen hat. „Ein Codewort?“, musste selbst Dennis fragen. Einfach googeln.

Mit der Uhrzeit erhöht sich der Taktschlag

Sogar die Polizei tanzt dann mehrfach an, was die Organisatoren mit „有 PO“ (Haben Polizei) signalisieren. Es ist dann aber auch mal gut, neben Dennis sind sowieso nur noch Sidd und ich übrig. Auch aus auditiver Vorsicht heraus kann ich gut damit leben, nach vier Uhr die Biege zu machen. Im FamilyMart hole ich mir mit „Pocari Sweat“ und einem gebutterten Seelachs-Onigiri einen kulinarischen Neujahrsstart, während wir einem Amerikaner dabei zusehen dürfen, wie er zwei bedürftig angezogenen Taiwanesinnen vermutlich mittleren Alters anbaggert. Die drei wollen zurück auf den Rave, obwohl sie die schnelle Musik nicht mögen. Trotz Neujahr fährt die MRT erst wieder ab etwa 7 Uhr, deshalb machen Sidd und ich uns auf die Suche nach YouBike-Stationen, die nicht komplett leer sind.

Genau da bekomme ich einen Anruf aus Deutschland, wo es ja immer noch gut drei Stunden bis Mitternacht sind. Die Jungs haben früheres Bleigießen durch das Öffnen von chinesischen Glückskeksen ersetzt und auf einem stand wohl, dass sie einen alten Freund anrufen sollen. Ich freue mich sehr darüber und darf sogar aus der Ferne ein Schicksalsgebäck für mich beanspruchen. Was darauf steht, kann nämlich nichts anderes als das sein: „Rüge Deine Freunde im Verborgenen und lobe sie in der Öffentlichkeit.“ Zuerst denke ich, sie verarschen mich, aber ein Beweisbild widerlegt das. Keine Sorge, zumindest solange ich in Taiwan bleibe, kann ich dieser Pflicht bestens nachkommen. Gern geschehen, liebe Leser, vor allem aber alle Nichtleser 🙂

Nichts lieber als das

Sidd findet zu seinem Leidwesen kein orangenes Vehikel und so erledigen wir das vermutlich früheste Neujahrsworkout unseres Lebens. Sidd macht sich zwar grundsätzlich keine Neujahrsvorsätze (außer einem Grundstücks-Auktionskauf nahe seiner alten Uni, wo er perspektivisch Wohnraum für Studenten schaffen will). Aber ich vermute, dass Trainieren zum selbstverständlichen Programm gehört. Wir folgen der aquäduktartigen MRT-Stadttrasse, bevor wir im anstrengendsten Part die Fernzugbrücke überqueren müssen. Im Semester musste ich dort an vier Tagen die Woche rüber, sie liegt nämlich zwischen dem Nanzih Campus und dem First Campus, mittlerweile ist es aber eine Seltenheit geworden. Nach gut 40 Minuten erreichen wir das Dorm, wo es unheimlich still ist. Ob die Mehrheit der Leute schon wieder da ist, niemals weg war oder noch länger wegbleibt, vermag ich nicht zu beurteilen. In meinem Zimmer allerdings schlafen alle tief und fest, und tatsächlich hat sich jemand um den Kühlschrank unseres Stockwerks gekümmert. Nicht dass das etwas Gutes wäre, denn für die anschließende letzte Woche kann man jetzt keine Sachen kühl lagern. Meine gestrige Frage, warum zur Hölle das so früh sein muss, wurde nur mit „I’m sorry, but our school has arranged for the museum to close, so we need to clean the refrigerator early.“ beantwortet. Interessante Übersetzung, aber das Dorm könnte wirklich ein Museum über Lebensumstände aus alten Zeiten gelten. Abgesehen davon hätte es wohl kaum eine Woche gedauert, den Stecker zu ziehen und einmal durchzuwischen… Wir regen uns ein bisschen auf, denn Sidd kann sein Brot nicht mehr lagern und ziemlich viele Lebensmittel wurden einfach auf den Flurboden gelegt. Im Grunde ist es aber eine Kleinigkeit, Hauptsache die Duschen gehen noch. Nachdem mir zwischenzeitlich der Schweiß wie Regen vom Gesicht gelaufen ist, habe ich die bitter nötig.

Neujahrsselfie in A2
Ohne weiteren Kommentar…

Nach sechs kann ich dann endlich schlafen gehen und stehe tagsüber nur zweimal auf, um jeweils vor verschlossener Cafeteriatür enttäuscht zu werden. Na gut, einen freien Tag haben sich die Küchenkräfte dann doch verdient. Ich tue es ihnen gleich, bin ich doch sowieso stark müde und am Chillen. Die dritte Staffel Squid Game will geschaut und nur von Sascha unterbrochen werden, der ganz dringend, unbedingt meine Bilder und Videos vom Rave haben will. Wofür? Natürlich für seine WhatsApp-Storys, die mir seit jeher ein Rätsel sind. Eigentlich nur eine Nebenbemerkung, aber seit ich ihn kenne, frage ich mich, wie man so früh so alt wirken kann. Wenn mich nicht alles täuscht, ist Jenaer Mitte 20, veröffentlicht aber keine Status-Meldung, wie es so schön bürokratisch heißt, ohne unterlegten Song. Lyrics sind fast immer dabei und lassen das Gezeigte in meinen Ohren immer ziemlich laut wirken. Schwarz-Weiß- und Negativ-Filter, gewollte Wortspiele, aus meiner Sicht unergründliche Referenzen sowie die eigentlich nur in wirtschaftlichem Kontext gebräuchliche Stadtabkürzung „KHH“ geben dem Geschehen einen ganz eigenen Charme. Vermutlich bin ich einfach zu großer Fan davon, unbearbeitete Fotos zu posten. Auf jeden Fall freut sich der Digitalschmarotzer über neues Material und unterlegt es mit ganz vielen Songs, mit denen der Rave tendenziell nichts zu tun hat.

Sky betritt das Zimmer gegen mittags. „Where have you been?“ frage ich. „Indonesia“ grinst er mich an. Noo, my friend, so funktioniert das Spiel nicht. Ich habe die Frage richtig formuliert. „Shiat“, flucht er daraufhin immer noch grinsend. Er war mit seiner Tante und ihrer Familie im „E-DA Theme Park“, wo er Achterbahn gefahren ist und in der Mitte eines Familienbilds gelandet ist. „I look like they found me somewhere, haha“, da ist was dran. „Maybe under a bridge or something?“ „No, no, no“ wehrt er ab. Ich werd‘s vermissen, der Junge lässt sich so leicht verarschen. Eine große Tüte Orangen hat er auch mitbekommen. „You can take many“, bietet er an, aber mal schauen. Vielleicht muss er sich auch einfach mal gesund ernähren in den nächsten Tagen. Insbesondere, bevor er seinen Ferienjob antritt. Auf Nachfrage erfahre ich, dass er zwei Gehaltsoptionen hat. Für die erste, ganze normale Acht-Stunden-Tag-Option, müsste er entsprechend dem Namen einen Monat lang arbeiten, um mit 35.000$TD (950€) nach Hause zu gehen. Wenn er möchte, kann er sich allerdings auch verpflichten, um acht Uhr morgens anzufangen und erst um 22 Uhr nach Hause zu kehren. Dies würde mit 85.000$TD (2300€) entlohnt werden. Sein „brother“, also eigentlich Cousin, arbeitet dort auch, es geht um Logistik und Produktion. Ob er Samstags arbeiten müsse? „Depends on the boss.“ Wow, nicht gerade beneidenswert. das Arbeitsrecht spreche ich lieber nicht an, ich habe ja schon von Ricky auf der Wanderung gehört, wie man das hierzulande sieht. Aber vielleicht können wir uns mal abends treffen, wenn ich auf meiner Tour in Chiayi vorbeischaue.

Sidd hält es anscheinend für ausreichend, mir 40 Minuten vor einem geplanten Neujahrsessen mit Luca, Vanessa & Co. Bescheid zu geben. „Just go in the things you wear and leave immediately.“ Ach, na dann. Ich widerstehe dem Versuch, mich darüber aufzuregen. Auch habe ich wenig Energie, das Dorm überhaupt zu verlassen, aber die meisten der Leute werde ich jetzt wahrscheinlich zum letzten Mal sehen, das ist es dann definitiv wert. Außerdem schreiben wir ein neues Jahr.

Wieder in der Nähe der Kaohsiung Arena treffe ich die Gruppe. Mit Bobby (den Taiwanesen kenne ich bereits von Ihsans Abschied), Vanessa, Luca und zwei deutschen Freunden ihrerseits betreten wir das Lokal, dem Luca direkt schöne Einrichtung und tollen Charme bescheinigt. Ja, indische Restaurants haben immer ganz ansprechende Designs. Alle bestellen Masala und „garlic naan“. Meine tomatige Butter-Tofu-Soße schmeckt wirklich hervorragend, Sidd ist sichtbar stolz auf seine Landsmänner. Ich erfahre, dass Luca mit Vanessa und ihren beiden Freundin gestern nach der Dream Mall noch im Brickyard war, und Luca findet es so schade, dass ich noch nicht im Soda-Äquivalent war, dass wir gleich ausmachen, am Samstag alle gemeinsam dorthin zu gehen. Lustig wirds bestimmt. Ihre deutschen Freunde heißen übrigens Merle und Tilo und fahren das Sebastian-Anna-Modell, wie so viele. Merle studiert in Taoyuan und Tilo ist auch dabei. Ob die sich alle schon vorher kannten oder nicht, frage ich aber nicht nach, dafür ist mein Interesse dann doch zu gering.

V.l.n.r.: Sidd, Ich, Merle, Tilo, Luca, Bobby, Vanessa

Luca erzählt von ihren Indien-Reiseplänen im nächsten Monat, Vanessa von ihrem post master „auditor job“ in der Fischerindustrie und Sidd und ich machen unsere Jokes. Gerade in den letzten Wochen sind wir immer mehr zusammengewachsen, irgendwie schade, dass es bald vorbei ist.

Ich bin aber trotzdem froh, dass wir danach (von einem Neujahrsvideo abgesehen) nichts mehr machen und nach Hause fahren, müde bin ich noch immer. Immerhin schaffe ich es wieder, mein abendliches Workout zu absolvieren, nachdem ich es Anfang Dezember (auch aufgrund meiner Fußleiden) immer mehr vernachlässigt hatte. Ansonsten wird schön weiter Squid Game gesuchtet, bis etwas nachts um halb vier zockt Darren sowieso so laut, dass ich kaum hätte einschlafen können.

新年快樂

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