Montag, 2. Februar

Der letzte ganze Tag in Kaohsiung bricht an, wie schade. Also sollte ich die billigen Friseurpreise ein viertes und letztes Mal abstauben. Alle Strecken lege ich mit Fahrrad zurück, einfach um den Charakter der Stadt aufzusaugen. Parken in der Fahrspur, hunderte Motorräder um mich herum, die riesige Hauptstraße zum Hauptbahnhof, der dunstige Horizont, in dem alles mit einer Art Milch-Filter überzogen wird.

Durchschnittlichster Kofferraum

Im „chu厝 hair studio“ nahe Aozihdi betreut mich wieder eine andere Mitarbeiterin. Sie führt mich abseits der drei Kundenstühle des Erdgeschosses in einen viel größeren Raum weiter oben, was mich umso mehr wundern lässt, dass gestern alles ausgebucht war und ich einen Termin für heute machen musste. Ich zeige wieder ein Bild, wie ich den Haarschnitt gerne hätte und lasse die Fachfrau kochen. Anders als die letzten Male misst sie mein Haarvolumen nicht aus, sondern fängt direkt an zu schneiden. Nach einer Weile scheint sie fertig zu sein, zeigt mir den Übergang im Spiegel und streicht Wachs in die Haare. Fertig sind wir aber nicht, jetzt soll ich zum Waschstuhl und bekomme die scheinbar dazugehörende Kopfhautmassage mit Shampoo. Etwa zwanzig Minuten wohltuende, rhythmische Druckbehandlung lassen mich total entspannen und die Augen schließen. Es herrscht übrigens totale Sprachbarriere: Zu artikulieren, dass ich auf dem Stuhl weiter nach vorne rutschen soll, gelingt der Friseuse eher schlecht als recht und löst schließlich verhaltenes Lachen auf beiden Seiten aus. Dann geht es wieder zurück auf den Frisierstuhl und sie schnippelt weiter. Eine lustige Reihenfolge, aber ich will mich nicht beschweren. Am werde ich um 600$TD (16€) ärmer, bei zufriedenstellender Qualität.

In einem „Showba“, wie der omnipräsente 小北百貨 „Xiǎoběi Bǎihuò“ auf Englisch heißt, besorge ich mir „Compressible Vacuum Storage Bags“ und eine Luftpumpe. Hasan schwört auf die billige Ramschware, und mit meinem Importüberschuss (nach Deutschland) dürfte ich ansonsten Platzprobleme bekommen (siehe Schlafsack, Thermoklamotten, Uni-Merchandise usw.).

Drei Vakuum-Beutel mit Luftpumpe für ca. 200$TD (5,30€)

Anschließend mache ich mich auf Postkartensuche, die mir einiges abverlangen wird. Am Jiangong-Campus gibt es zwar mehrere Uni-Merchandise-Stores, außer zig Happy-Birthday-Postkarten findet sich aber nichts. Irgendwoher habe ich zwei Karten mit Uni-Motiv, muss mich jetzt aber mit Anderweitigem zufriedengeben. Tatsächlich haben auch mehrere Buchläden, in denen ich vorbeischaue, keine analogen Email-Formate. „Do you have postcards?“ „No.“ „Do you maybe know where I could find these?“ „No.“ Okay, danke für nichts, ich gebe die Suche auf.

Im Nebel verschwindender Stadthorizont

Einen Mittagssnack (Reis mit Lachs) hole ich bei FamilyMart, dazu ziehe ich mir weitere Folgen Avatar rein. Anschließend geht’s nochmal an die Bewerbungen: Anschreiben optimieren, Bezugspunkte für alle Büros notieren, Anhänge aufs Nötige komprimieren. Anna sitzt ebenfalls an Bewerbungen, Buggi ruht sich auf dem Balkon aus, wo die beiden übrigens geschlafen haben. Ihre Fahrräder haben sie heute verkauft bekommen, ein Achtungserfolg. Mir ist dieses Kunststück mit meiner Matratze nicht gelungen, die jetzt in Fabians Zimmer steht und deren Gegenwert meinen Fingern entgleitet. Schmerzhaft denke ich an den Tag zurück, an dem ich mehr oder weniger erpresst wurde, das überteuerte, fünf Zentimeter dicke Stoffbrett auf dem Campus zu kaufen. Andernfalls hätte ich bekanntlich auf Holzbrettern Vorlieb nehmen müssen…

Blick aus Philipps Zimmer gen Westen
Anschauliches Beispiel des taiwanesischen Verkehrssystems: Warteboxen für die Motorräder sowie getrennte Langsam- und Schnellspuren auf den großen Straßen
Ein letzter, halbwegs unspektakulärer Sonnenuntergang aus dem regulären Kaohsiung-Aufenthalt

Am Abend gehen wir ein letztes Mal gemeinsam essen. Nach viel Herumirren finden wir ein aus grauen Zellen erinnertes Burgerrestaurant nicht mehr und irren in den Straßen umher, die dem Hochhaus, wo Sascha wohnt, zu Füßen liegen. Weil es eher Gassen als Autostraßen sind, entsteht ein total gemütlicher Vibe, sogar Lichterketten schmücken die Wege und Jugendliche lungern herum. Verschwendetes Potenzial, dass das Angebot so low ist. Nicht nur machen die meisten Küchen um 20 Uhr zu, auch sieht das Essen dürftig aus. Ich bekomme die beiden trotzdem überredet, sich hinzusetzen und zu bestellen. Mit meinem „shrimp fried rice“ mache ich wenig falsch, was neben mir auf den Tellern landet, scheint hingegen viel schiefgelaufen zu sein. Ich bekomme fast einen Lachanfall, als Anna nicht nur missmutig auf ihr Essen blickt, sondern gleich nach dem ersten Bissen mit enttäuschter Miene moniert, dass es noch nicht einmal wie versprochen um Reisnudeln handelt. Während ich das aus irgendeinem Grund wahnsinnig witzig finde, schweigen die anderen fortan und zwängen sich stumm so viel hinein, wie sie es für angebracht halten. In Annas Fall sind das ein paar Löffel – dann fotografiert sie das Essen. „Dann habe ich in Deutschland etwas, wenn ich Taiwan vermisse, dass ich doch nicht zurückwill.“ Gute Strategie. So viel verkochtes Gemüse mit farblosen Nudeln und grauen Fleischstückchen, die wie übergewichtige Erdnüsse aussehen, ist aber wirklich ein Kunstwerk in die andere Richtung. Wie viel Michelinsterne das wohl bekommen würde? „Minussterne“, sagt Anna. „So ein schlechtes Restaurant“, wohl wahr. Wie schön, dass man das hier noch laut sagen kann.

Schlechte Erinnerung gut eingesetzt

„Das darf nicht dein letztes Essen in Taiwan sein“, findet Buggi, erbarmt sich dem Großteil des Rests. Naja, wenn 7/11 zählt, ist es das auch nicht. Zu dem convenience store neben unserer WG gehen wir schnell, ein paar Snacks holen, danach ziehen wir uns noch jede Menge Folgen von „The Office“ rein. Die beiden hatten die ganze Zeit recht, es ist wirklich eine sehr sehr gute Serie. Es trifft meinen Humor äußerst gut und ich weiß jetzt schon, dass ich irgendwann Stromberg gucken muss, allein um die beiden Werke zu vergleichen. So etwas zusammen zu gucken, ist außerdem besonders schön, die urkomischen Situationen kommen so am besten zur Geltung. Die Wohnung sieht mittlerweile übrigens ziemlich verhunzt aus. „So eine Jungsbude“ findet Buggi, bezogen auf die Einrichtung hat er absolut recht. Ich finde aber auch, dass wir mit unserer Gepäckwirtschaft und kurzzeitigem Lebensstil aktiv dazu beitragen. Offene Koffer liegen verstreut umher, der Küchentisch ist vollgemüllt und wir selbst sitzen mit Bier und Chips auf dem Sofa. Und die Schlafsäcke auf dem Balkon habe ich noch gar nicht erwähnt. Eine schrecklich assige Familie.

Bevor wir schlafen gehen, lasse ich mir noch das Cash aus den Fahrradverkäufen geben und umtauschen, ich kann es ja später noch gebrauchen. Morgen früh werden wir uns ein (vorerst) letztes Mal sehen, irgendwie verrückt. Ich bleibe aber noch ein bisschen wach, feile an der Größe meines Portfolios. Leider entdecke ich dann noch zwei Kakerlaken bei der Spüle, was mich meinem guten Gefühl beraubt, das Ungeziefer besiegt zu haben. Die Fallen haben ihren Sold wohl getan, oder es stehen einfach wieder viel zu viel Essen und Essensreste herum. Also seife ich Türrahmen und Bettpfosten von Fabis Zimmer ein letztes Mal in Zedernholzshampoo ein, das letzte Mittel der Verteidigung. Die Klimaanlage hilft hoffentlich auch sowie das angelassene Licht. Das kompensiert die leichte Gänsehaut, die sich wieder breitmachen wollte und lässt mich halbwegs beruhigt einschlafen. Passt schon irgendwie.

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