Bohol (Montag, 9. Februar)

Mein Motorradverleiher Anthony empfiehlt, lieber 40 Minuten vor Abfahrt am Hafen zu sein, also lege ich mich früh ins Zeug. Leider will mir der Dorf-ATM kein Cash withdrawen, sodass ich ohne Frühstück auskommen muss. „Exceeded your daily limits“ klingt mir bei läppschen 2.000 Peso (knapp 29€) am frühen Morgen ziemlich nach Verarsche. Tatsächlich steht der ATM locker in einer Art großen Telefonzelle, aber da ich meine Karte zurückbekomme und Locals dort Geld abheben sehe, mache ich mir keine Sorgen. Der restliche Raum schläft noch, als ich losgehe, nur die ganzen Kellnerinnen verabschieden mich herzlich und mit netten Wünschen für die Restreise.

Erst als ich auch in der Stadt kein Geld ziehen kann, komme ich ins Schwitzen. Wieder dieselbe Anzeige, ich hätte meine Limits überschritten. Selbst wenn gestern dazuzählen würde, was es ja eigentlich nicht sollte, selbst dann wäre ich nicht einmal bei 100€ Auszahlungen, komisch. Meine Bankapp lässt sich wegen einer allgemeinen Störung nicht öffnen, ich habe aber ganz sicher mehr als ausreichend Guthaben. In das Bankgebäude des ATM komme ich nicht, ein mit Maschinengewehr bewaffneter Polizist versperrt mir den Weg. Der ATM funktioniere wegen eines Limits nicht? „You can try in 24 hours.“ Shit, ich brauche das Geld aber jetzt! „Maybe look for BDO Bank.“ Ich schaue dort, aber der ATM ist außer Betrieb, die Öffnungszeiten sind definitiv nicht jetzt und das bewaffnete Personal sieht auch nicht gerade hilfsbereit aus. Ob mein Verleiher Anthony PayPal hat, finde ich nicht heraus, sein Handy empfängt meine Nachrichten nicht. Gut, dass ich mir auf dem Hinweg für alle Fälle einen weiteren Ausweichplan überlegt habe. Also düse ich zurück zum Hostel, wobei jeder klapprige Blumentransport meine Geduld herausfordert. Jo ist zum Glück wach und hat einen PayPal-Account, von ihm bekomme ich 4.000 Peso. Die retten meinen Tag, aber hallo.

Labbriges Ticket nach Bohol

Anthony wartet schon am Hafeneingang und bittet neben der Verlängerung um eine Abholgebühr, die ich ihm gerne gewähre. Einen Euro kann ich ja mal entbehren. Der Ticketverkauf steht direkt nebenan. Mit meiner taiwanesischen Studentenkarte hole ich sogar noch Rabatt raus, 638 Peso (9,20€) kostet ein Ticket nach Bohol. Dieses ist an Labbrigkeit nicht zu überbieten, jeder Notizzettel wirkt dagegen professionell. Bevor ich auf die Fähre komme, muss ich aber drei weitere Checkpoints durchqueren, die mein Ticket kurioserweise immer wieder umtauschen oder ergänzen und kleine Extragebühren verlangen, in der Größenordnung 30 Peso (0,40€). Eine Gepäckkontrolle winkt ab, der Reisende wird schon nicht gefährlich sein.

Port Balbagon

Dann sehe ich die Fähre mit der Aufschrift „CEBU“. Mutterseelenallein liegt sie da, man darf über die Autorampe reinspazieren. Philippinische Seeleute begrüßen mich („Hello, Sir! Hello, Sir!“) und durch eine Hintertür geht es eine schmale Treppe hinauf. Rechts und links gibt es Sitze, wobei sich jeder in den Schatten nach links gesetzt hat. Als vorerst einziger Nicht-Filipino nehme ich Platz und bin einfach nur erleichtert, es geschafft zu haben. Dann werde ich aber von hinten angetippt, da steht Diggi, der Tauchlehrer. Ich habe ganz vergessen, dass er heute auch nach Bohol fahren will. Er nimmt mich mit aufs Deck, wo es mehr Sitze, mehr Europäer und frischeren Wind gibt. Wir beobachten, wie ein Camouflage-Küstenwachen-Typ das Schiff auf Abfahrbereitschaft checkt und ein Crewmitglied ihn dabei mit seinem Smartphone filmt. Diggi erklärt, „der ist bestimmt von der Opposition.“ Er weiß es auch nicht genau, aber solche Aktionen haben so gut wie immer mit Politik zu tun. Alle Betriebe wie diese seien in der Hand von Parteien, die sich möglichst gegenseitig sabotieren wollen, etwa durch verspätete Abfahrten. Ums Image gehe es dabei auch, vor allem aber ums Geschäft. Aktuell stünden zwar keine Wahlen an, in geringem Maße könne man damit aber immer rechnen. In diesem Fall will das Crewmitglied vermutlich einfach sicherstellen, dass das Schiff ordnungsgemäß überprüft wurde oder dass der Küstenwachenmensch nichts tut, was dem politischen/geschäftlichen Gegner gefallen könnte. Diggi lacht. „Stell dir vor, du bist Küstenwache, und dir folgt immer jemand auf Schritt und Tritt, um dich zu filmen.“ Er ist ein positiver Mensch, aber nicht blind für Missstände in seiner Wahlheimat. Auch die Bürokratie der Tickets nervt ihn. „Früher hat sich das alles einfacher angefühlt. Und in Thailand geben sie dir einfach nur einen Stempel und karren dich durch, sehr viel angenehmer. Deshalb sagen manche Leute: Die Philippinen sind schön zum Reisen, aber auf der Reise selbst auch sehr anstrengend.“ Mit gar nicht so viel Verspätung legen wir dann aber ab, während eine europäische Main-Character-Familie am Bug in der Sonne steht, sich leicht bekleidet bräunt. Diggi kauft sich vorne eine Cola und schlägt sein Buch auf: ein Persönlichkeit-Entwicklungsratgeber.

Spärlich gebuchte Fährfahrt

Bohol gerät schnell ins Sichtfeld, da bleibt es aber auch. „Wirst schon sehen, da schaust jetzt zwei Stunden lang an den Horizont und denkst, gleich sind wir da.“ Wir nehmen uns jeder eine Sitzreihe und legen uns quer, das ist der beste Weg, die Zeit herumzukriegen. Mit dem Blick auf die planenbedeckte Metallrohrdecke lasse ich die Gedanken schweifen. Um kurz vor eins, immerhin früher, als ich gedacht hätte, erreichen wir dann die Insel. Mittelgroße Bergketten türmen sich auf, es ist heiß. Diggi verabschiedet sich, für ihn geht es nach Anda im Osten, ich solle mir einen der kleinen Toyota-Busse nach Tagbilaran suchen. Fabi und seine Freundin fahren heute auch hierher, ob ein Treffen klappt, muss sich aber noch zeigen.

Unter den Aussteigern in Jagna sind auch andere Backpacker

Am Ausgang des Hafens lungern jede Menge Anbieter von Taxifahrten, und da ich keine Busse sehe, lasse ich mich anquatschen. „To Panglao?“ Ja, bitte. „How many person?“ „One.“ der Mann mit dem rosa Kopftuch und der kleinen Brille führt mich zu einer ganzen Kolonne der Fahrzeuge, die eigentlich nur erweiterte Motorräder sind. „It’s two hours and the price will be 1500.“ „1500??“ frage ich. „I give you 1200.“ Der Mann setzt zu einer jammrigen Erklärtirade an. „The ride is 80 kilometers, two hours. I pay 600 for gasoline, what do I have left then?“ Seine Miene verzieht sich. „1400, okay?“ Ich habe genug und gehe darauf ein. Fein, Hauptsache ich komme hier weg. Er lässt mich sofort einsteigen und fährt los, ohne auf weitere Fahrgäste zu hoffen. Zwar fragt er unterwegs von andere, die auch auf der Fähre waren, sie winken aber ab. Bestimmt mit dem Gedanken, was für ein Idiot, der diesen schlechten Deal angenommen hat.

Ein notorisch aufdringlicher Taxifahrer

Wir tuckern los, und die folgenden zwei Stunden kann ich gut nutzen, um meine Umgebung zu beobachten. Zuerst einmal das Gefährt selbst. Das lockere Gestell ist mit Stangen am Hauptfahrzeug befestigt, wie eine Feder. Jedenfalls ruckeln beide Elemente zeitverzögert, jeden Straßenschlag sehe ich von Weitem kommen. Das Gefährt ist keineswegs verschlossen, so gelangt außerdem jede Pfütze in den Innenraum. Die Straße besteht aus ganz vielen Plattenelelemten, in einem schnellen Rhythmus geht es auf und ab. Ich traue mich nicht einmal, mein Handy wegzupacken, sondern halte es lieber die ganze Zeit fest, so sehr ruckelt alles. Anlehnen kann ich mich höchstens gegen eine horizontale Metallstange und der Motor ist so laut, dass es sich anfühlt wie beim Flugzeugstart. Na gut, das ist übertrieben, aber mein Handy zeigt an die 80 Dezibel an.

Unangenehmstes Taxi überhaupt

In der Ferne kann ich klar und deutlich Camiguin mit seinen hohen Bergen erkennen. Irgendwie interessant, denn Bohol habe ich selbst von höheren Punkten nie gesehen. Busse sehe ich erst gar keine, so dass ich fast denke, mit dem Taxi die einzige Option gewählt zu haben. Es gibt aber doch ein paar wenige, die vermutlich viel viel billiger gewesen wären. Immerhin komme ich mit dem ulkigen Express vergleichsweise schnell ans Ziel. Der Fahrer will mir öfter etwas sagen, aber durch den Motorenlärm verstehe ich absolut gar nichts. An welchem Punkt wir Bohol verlassen und Panglao betreten, verstehe ich aber auch so. Ein Polizist nickt meinem Chauffeur zu und lässt ihn auf die kurze Brücke zwischen den beiden Inseln. Ab hier geht es noch etwa 15 Kilometer geradeaus, ich quäle mich die ganze Zeit auf dem Sitz. Der Fahrer will mich vor dem Flughafen an einem Motorradverleih absetzen, ich lehne aber ab. Lieber suche ich mir meinen eigenen, preislich lohnenden Deal. Also stehe ich wenig später am Flughafen und lasse ihn ziehen. Mein Hintern ist komplett geschunden, was für eine Tortur.

Polizisten, die auf Bohol und Panglao auf jeden Fall hohe Präsenz zeigen, helfen mir weiter. Einen Motorradverleih gebe es hier leider nicht, allerdings könne ich mir ja ein Taxi nach „Alona Beach“ nehmen. Auf keinen Fall, ich gebe nicht noch einmal Geld für so etwas aus! Nüchtern betrachtet war die Fahrt wahrscheinlich noch nichtmal so große Abzocke: 1400 Peso sind 20€, von denen 600 (8,60€) für Benzin draufgehen, eine glaubhafte Angabe. Außerdem war ich der einzige Fahrgast, also nicht gerade rentabel. Das ärgerliche war vor allem meine eigene Entscheidung, so ein Teil zu nehmen. Die Dreiviertelstunde nach Alona Beach ist es mir (und meinem Arsch) demnach wert zu laufen. Also gebe ich mir die leeren Straßen vorm Flughafen, auf denen neben Motorrädern auch Ziegen und Hunde verkehren. Bei letzteren werde ich zwar immer noch leicht nervös, ich weiß mittlerweile aber, dass ich erst in Taiwan wieder Angst bekommen muss.

Streets of Panglao

Ich rede mir die Entscheidung fürs Taxi auch mit Übermüdung und leerem Magen zurecht. 20€ sind nicht die Welt, aber meine spontane Naivität ärgert mich trotzdem. Glücklicherweise finde ich dann schneller als gedacht einen Verleih. Dessen Motorräder sind zwar „sold out“, aber in so einer Situation kann man sich immer darauf verlassen, sofort an die lieben Kollegen gegenüber vermittelt zu werden. Besonders in den Philippinen meine ich das wortwörtlich. Wieviele Menschen mich anlächeln und begrüßen, ist wirklich besonders und kann ohne Probleme mit Taiwan mithalten. Dass hier alle Englisch sprechen, lässt es mich vielleicht auch einfach stärker spüren. Während sein Kollege einen Scooter besorgt, darf ich mich zu dem Verleiher gegenüber auf die Bank setzen. Er lehnt sich weit nach hinten, könnte szenerietechnisch locker einen Grashalm im Mund haben, und starrt in die Ferne. „Where are you from?“ „Germany. You are from here?“ „Yes. Germany… It’s a good country.“ Günf Minuten später darf ich mit dem Glücklichen quatschen, der sein Motorrad loswerden will. Er holt einen sehr dünnen Papierzettel mit den Formalien raus, das kenne ich schon. „Can I see your driving liscense, Sir?“ Au, auf die Frage hatte ich nicht gerade gehofft. „Ah, yes, unfortunately I don’t have it here, sorry.“ Er versteht nicht. „You don’t have?“ „I don’t have it here, sorry.“ Ganz klassische Argumentation von früher, wenn man in der Schule keine Hausaufgaben gemacht hatte. Ich war nie gut darin, es glaubhaft rüberzubringen, und bin es wohl auch jetzt nicht. „I thought for the small ones, the scooters, you don’t need it. Because on Camiguin it was the same.“ „But Sir, it is important to have a driving license when driving. There is a lot of checkpoints around here. Because there is a lot of visitor around.“ Mist! Das ist viel schlimmer als ein skeptischer Verleiher. Ich bin nicht sehr stolz darauf, aber was soll ich machen… Ich zeige ihm ein abgeschnittenes Foto von Buggis Führerschein, sodass man keine persönlichen Infos erkennen kann, nur die lizensierten Fahrzeugtypen. Der offensichtliche Trick reicht dem Verleiher aber wohl, um seine Geldgier siegen zu lassen. „Okay, okay. But do you even know how to drive?“ Na klar! Ich bin die letzten fünf Tage mit fast genau dem Modell herumgefahren. Das ist jetzt wirklich nicht das Problem. Ich muss eher mit den Kontrollen klarkommen, aber was habe ich für eine Wahl…

Ausleihschein

Bevor ich losdarf, fragt er mich noch nach meiner ID. Den Perso? „Yes, I can keep it as a guarantee and give it back tomorrow.“ Das kann er sich abschminken, „I need it!“ „But do you have any other ID then?“ Blöd, dass mein Perso vermutlich in irgendeinem Kaohsiunger Gulli schmort. „I mean, I have my student ID“, sage ich mit ironischem Unterton. Aber die reicht wohl aus, lustig. Zu ihr habe ich eine stärkere emotionale Bindung als zum Reisepass, aber okay. Ich darf endlich los, soll das Motorrad morgen zu ihm nach Hause bringen, nebenan. Für jede Stunde über dem Limit zahle ich drauf und der Tank muss natürlich voll sein. 500 Peso (7,20€) Basispreis sind aber sehr in Ordnung, damit kann ich leben.

Ich trinke mein Wasser aus, Essen will ich erst später „in Sicherheit“. Tatsächlich dauert es keine fünf Minuten, bis ich in der ersten Kontrolle lande. „CPN“ oder „CNP“ heißen die aufgestellten Straßenbarrikaden, an deren Seite jeweils mindestens fünf Militärs in Camouflage mit Waffen stehen und potenziell jeden anhalten können. Ich weiß natürlich, dass alles, was nicht normales Fahren ist, als verdächtig gewertet wird, auch jeder kleine Bremser. So wie gestern auf Camiguin bleibt mir also nichts anderes, außer innerhalb des Tempolimits möglichst gleichmäßig heranzufahren, rüberzulächeln und auf das Beste zu hoffen. Ich glaube kaum, dass mein Fototrick im Ernstfall funktionieren würde. Zum Glück werde ich durchgewinkt und bekomme von allen ein nettes Lächeln auf den Weg. Der erste Schock liegt hinter mir, hoffentlich gibt es davon nicht mehr allzu viele. Auf der folgenden Fahrt beschäftigen mich zwei Gedanken: Wie wirke ich normalsten und warum ist es gut, dass ich mir diesen Stress gebe? Erstes beantworte ich mir selber mit einer professionellen Position, regelmäßigen Spiegelblicken, konstantem Tempo (so, als hätte ich das Motorrad sehr gut unter Kontrolle) und freundlichen Blicken. Dass ich es auch mal nötig habe, niedrigschwellige Gesetzzonen zu umgehen, finde ich prinzipiell nicht schlecht. Ich reise ja, um Erfahrungen zu sammeln und um mich persönlich zu entwickeln. Als jemand, der schon oft vor Regeln gekuscht hat und normalerweise sehr risikoscheu ist (auch, wenn es vielleicht nicht so wirkt, es stimmt!), bereichert mich diese Aktion ungemein. Ich kann Bluffen üben und im schlimmsten Fall daraus lernen, bis zu welchem Punkt sich das Risiko gelohnt hat. Um die Gefahr, die das Gesetz vorsieht (dass Leute ohne Führerschein nicht fahren können) mache ich mir die wenigsten Sorgen. Einen Automatik-Scooter mit drei Knöpfen (zwei Blinker und eine Hupe) steuern zu können, setzt kaum mehr als Fahrradkenntnisse voraus.

Auf der Inselbrücke passiere ich einen weiteren Checkpoint, wo die Militärs zum Glück Pause machen. Ich erinnere mich, auf der Küstenstraße nichts dergleichen gesehen zu haben, wiege mich also in Sicherheit. Trotzdem fahre ich nicht schneller als nötig (ich mag gar nicht daran zurückdenken, wie sehr ich heute früh gerast bin) und genieße einfach mal ein bisschen. Es macht ja auch Spaß, die Geschwindigkeit ohne lästige Gänge und ohne lästige Muskelkraft einfach per Lenkerumdrehung zu steuern. Ein bisschen schlecht fühle ich mich, die ganze Strecke wieder zurückzufahren, einfach weil ich dafür bezahlt habe, aber so ist es jetzt. Um 16 Uhr buche ich ein billiges Hostel. Während es zu nieseln beginnt, fallen mir immer mehr europäisch angehauchte Bauten auf. Ich dachte, Camiguin wäre christlich, aber Bohol ist ein anderes Level. Unzählige Klöster und Kirchen aus der spanischen Kolonialzeit, alle haben weiße Mauern und rote Dächer, verschönern die Landschaft. Auf bestimmt mehr als der Hälfte aller Taxis stehen Bibelzitate, inspirierende Psalm-Sprüche. In Bereichen mit Schulen ist die Straße verengt, besteht aus mehr Zebrastreifen als Asphalt und bringt die meisten Verkehrsteilnehmer dazu, langsam zu werden. Kinder in Schuluniformen, die Mädchen mit auffällig schottisch karierten Röcken, laufen auf der Straße. War Panglao noch übervoll mit Touristen, wird das hier immer weniger.

Irgendwo biege ich ins Inland ab und es fängt praktisch sofort an zu regnen. Unter dem sachten Regenbogen ändert sich die Landschaft rasant von Küstendschungel zu Dschungelsumpf. Unzählige Tankstellen säumen den Rand, dazwischen wässrige Grüngebiete. Ein Glück hat mein Rucksack ein Regencape, so werde nur ich selbst nass. Dem Helm fehlt ein Visier, äußerst nervig, auch wegen aufgewirbeltem Staub. Wenig später erreiche ich Loboc, ein Dorf in einer Biegung des „Loboc River“. Der Fluss ist sehr trüb und schlängelt sich durch die Landschaft, kein schlechter Anblick. Im Dorf steht noch so ein Checkpoint, diesmal allerdings gänzlich ohne Personal. Ich habe es also geschafft, zumindest für heute. Darauf kann ich dich schonmal stolz sein.

Die Landschaft vor meiner heutigen Haustür

Das „Andresas Homestay“ gibt mir für 11,65€ nicht nur eine gute Lage, sondern auch gleich ein Doppelbettzimmer ohne Nachbarn. Von der ebenfalls hier wohnenden Familie werde ich herzlich willkommen geheißen, insbesondere vom jüngsten Nachwuchs mit entweder seiner Schwester oder Mutter, so genau kann ich das nicht sagen. Eine ältere Frau, vermutlich die Betreiberin, führt mich hoch und zeigt mir die Räumlichkeit. Auf der Terrasse sitzt ein Mädel im Grundschulalter und guckt gebannt auf einen Bildschirm an der Wand, grüßt mich aber mit ausschweifendem Winken. Amerikanische YouTube-Videos laufen.

Für unter 12€ kann man sich sowas mal gönnen

Vor der Dunkelheit will ich das Dorf sehen. Es bleibt nicht viel Zeit, genug aber für einen Einkauf und den Rückweg. Zu meiner Überraschung haben sie hier auch 7/11, allerdings mit gänzlich anderen Sortiment. Fertiggerichte (bis auf Instantnudeln) gibt es keine, also bleibt mir nichts anderes als ein Craving-Einkauf. Wenigstens kaufe ich mir eine wilde Mischung zusammen, die ich so nirgendwo anders vorfinden würde. „Pandesal“ sehen erst einmal wie gewöhnliche Teigtaschen ohne Füllung aus, sollen aber angenehm weich und philippinisches Kulturgut sein. „Today, the Pan de Sal has evolved into something sweeter to suit the Filipino‘s natural sweet tooth“, wird auf der Verpackungsrückseite erklärt. Natürlich, man kann sich alles einreden. Die Taiwanesen würden übrigens dasselbe von sich behaupten, um eine süße Speise zu rechtfertigen. Ansonsten stecke ich mir noch einen überdimensionalen Snickers, „Salted Egg Fish Skin“-Crunchies, ein Pocari Sweat und Gummibärchen von Skittles (noch nie gesehen!) ein. Die Einkaufs-Papiertüte reißt ein, sogar obwohl ich sie von unten trage, was für eine Verschwendung.

7/11 in den Philippinen

Auf dem Rückweg quere ich eine Fußgängerbrücke über den Fluss, schaue mir die Kirche von außen an (vor der übrigens hupfreie Zone herrscht, ist ja ein Gotteshaus) und sehe den farbigen Himmel über mir zersplittern.

„Loboc River“
Christliche Bushaltestelle
Schlichte Dorfkirche
Nachhauseweg

Zum Abendessen lasse ich mich von der guten Hausfrau bekochen. Fischkost und Gemüse, ein Menü neben meinem Bett spricht bereits etwaige Empfehlungen aus. Vielleicht aus Angst vor all den Insekten (unzählige Geckos und Mücken sind unterwegs) werden alle Speisen mit Hauben geliefert, wie in einem Sternerestaurant. Das kleine Mädchen guckt immer noch ihre Videos, in denen jugendliche Freunde sich gegenseitig erraten müssen, und irgendwann gucke ich gespannt mit und hoffe, dass der Ratende seine Freundin Salesh errät. Der wahre Hostelbesitzer zeigt sich später, räumt mein Geschirr ab und stellt sich grinsend vor. Dass ich nur einen Tag auf Bohol verbringe, empfindet er nur als leuchten Affront, das lese ich aus seiner Reaktion. Aber es ist immer noch besser, als gar nicht zu kommen, da stimmt er zu.

Abendessen in Loboc

Unter den Schmerzen des Sonnenbrands quäle ich mich ins Bett, ein nervenaufreibender Tag geht zuende. Wenigstens meine Kreditkarte geht wieder, am Nachmittag konnte ich Geld abheben.

2 Antworten zu „Bohol (Montag, 9. Februar)“

  1. Identity fraud 🤬

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