Da wir den Tag gestern gut genutzt haben, verlassen wir Kuala Lumpur bereits. Same, same genießen wir wieder das künstliche Hotelfrühstück, Papa freut sich schon auf das Essen in Penang am Ende der Woche. Im Fahrstuhl spricht uns ein indischstämmiger Mann an und fragt auf Deutsch, ob wir aus Deutschland kommen. Klar. „Ich… studiere in Aachen“, bekommen wir die Erklärung. Schön, Deutsche und Deutschsprachige sind wirklich überall.

Mit dem komplizierten Metrosystem fahren wir dann zum Busbahnhof der Stadt, der mehr wie ein Flughafen wirkt, mit seinen Gates, den großen Anzeigetafeln und teilweise auch Boarding-Pässen. Auf den Straßen wird viel gehupt, aggressives Ankeifen in verkeilten Situationen. Wir unterhalten uns über das chaotische Stadtsystem, Nachbarland Indonesien will seine Hauptstadt ja schon ersetzen (genau wie übrigens Ägypten), nicht nur aufgrund des steigenden Meeresspiegels. Das habe ich mir gestern schon gedacht: Selbst ein schlechtes System erreicht schnell Endgültigkeit, wenn es einmal gebaut ist. Wie froh bin ich doch über Berliner Baubürokratie, wenn auch lange nicht dem Ausmaß, in dem es sie gibt. Wenigstens haben wir ein ausgebautes Schienennetz und kein städtebauliches Desaster.

Beim Warten auf den Bus lese ich mir schmunzelnd wieder die ganzen Schilder durch. In der „Lobi“ warten wir auf den „Ekspres“, ein „Tiket“ am „Kaunter“ müssen wir zum Glück nicht mehr kaufen. Schließlich fährt unser Anbieter „Unititi“ vor und wir nehmen Platz auf den überaus großzügig bemessenen Sitzen. Vorhänge, Stoffmuster und Formsprache verleihen dem Interior einen Raumschiffanstrich. Angenehm, denn die Fahrt ins Hochland wird vier Stunden dauern. Die tropische Natur lädt zum Gucken ein, wechselt sich aber nicht allzu sehr ab. Erst ein, zwei Stunden vor Schluss fängt die Straße an zu steigen, dazu gesellen sich viele Kurven und mir wird etwas schlecht.

Schließlich erreichen wir die „Cameron Highlands“, wie ein hollywoodartiger Schriftzug an einem Hang zeigt. Ein merkwürdiger Name für so eine Region, so britisch. Aber ich verstehe, warum die Kolonialisten es hier so toll fanden. Im Vergleich zu Kuala Lumpur ist die Luftfeuchtigkeit niedriger, ebenso die Temperatur. Die Sonne knallt zwar noch, aber im Schatten schwitzt man nicht automatisch, sondern erlebt angenehme T-Shirt-Frische. Die Gegend ist bergig, auf den letzten Kilometern sind mir Teefeldhänge aufgefallen. Das erinnert mich an 梨山 „Líshān“ im Norden Taiwans, wo wir nach der Wanderung am Weihnachten Pause gemacht haben. Morgen werden wir voraussichtlich hier in Malaysia wandern, darauf freue ich mich jetzt schon.
Unser Ort heißt „Tanah Rata“ und ist mäßig besucht. Die verhältnismäßig vielen blonden Europäer fallen mir direkt auf, aber ein Tourismusboom sieht anders aus. Am Ende einer Seitenstraße liegt das Hotel, das Papa aufwändig rausgesucht hat. Gelbe Fassade, Balkone zum niedriger liegenden Ort, Schuhverbot ab der offenen Schiebetür. Der Rezeptionist ist sehr zuvorkommend, leicht indischer Akzent und Rollkragen, trägt meinen Koffer nach oben. Die Lobby ist geschmückt mit Buchungsportal-Zertifikaten und Sinnspruch-Schildern, im Treppenhaus hängt witzige Kunst. Lustigerweise ist die Durianfrucht hier wieder explizit verboten.




Wir chillen kurz, dann geht es wieder los. Ausnahmsweise gibt es zum Mittagessen mal Pizza, zu deutlich höheren Preisen als das einheimische Essen in Kuala Lumpur. Ich erzähle Julian und Papa noch ein wenig von meinen Philippinen-Erlebnissen, dann schauen wir weiter durchs Dorf. Leere Gassen, ein zunehmend bedeckter Himmel und merkwürdig hohe Bauten, in denen sich vermutlich 100% Hotels und Hostels verstecken. Convenience stores gibt es hier auch, allerdings ist das FamilyMart-Logo komplett in Schwarz gehalten, verrückt.



In einer Mall sind irrwitzig viele Rolläden heruntergefahren, nur Klamottengeschäfte und Friseure haben geöffnet, auch sehr wenig besucht. Julian hadert noch mit seiner Haarentscheidung; ich empfehle ihm, es Prinz Siddhartha gleichzutun, das spart Kosten. So oder so ist die Mall ein Erlebnis, aus den höheren Stockwerken unfassbar hässlich, und sehr interessant, sobald man sich fragt, wie all das finanziert werden soll. Papa tun die untätigen Verkäufer leid, spricht von einer „Bedarfsfehleinschätzung“. Vielleicht ist es zu anderen Phasen ja rentabel, aber jetzt im Moment ist es wirklich trostlos. Ein Haushaltsladen ganz oben erinnert mich stark an die „Showba“-Kette in Taiwan: Es riecht genau gleich und das Sortiment ähnelt sich ebenfalls. Jetzt aber schnell raus hier.


Wie gestern schon fängt es nachmittags an zu regnen, den frühen Abend verbringen wir im Hotel und entspannen uns. Dann geht es wieder runter und wir finden heraus, dass das Essen ziemlich genau dreimal so billig wird, wenn man lokal bestellt, und keinen eingeschifften Käse. Eigentlich logisch.

Das Highlight des Abends wartet dann in einem chinesischen Massagesalon. Papa und ich haben uns von der Preisliste locken lassen, eine Dreiviertelstunde Fußmassage kostet nur 50 Ringgit, also knapp 11€. Bevor wir loslegen, müssen wir unsere Füße in heißes Wasser halten und abtrocknen lassen. Der Raum liegt offen am Fußgängerweg und hat acht Liegen, der mit uns fast komplett belegt sind. Man lehnt sich nach hinten, streckt die Beine vor und darf genießen. Wobei, genießen würde ich es fast nicht mehr nennen, denn scheinbar sind meine Füße so empfindlich, dass ich fast einen Anfall bekomme. Ich fühle mich so gekitzelt, dass ich die meiste Zeit einfach nur lachen muss, halb vor Kribbeln, halb vor Schmerz. Denn ab und zu streift die Frau mit ihren harten Knöcheln Bereiche, in denen meine Füße total verspannt sind. Ich wusste das schon, manchmal wache ich sogar morgens auf und merke alleine beim Aufsetzen des Fußes, wie extrem verspannt ich bin. Jetzt verbringe ich die Massage also damit, die Zähne auf die Lippen zu legen und mich zu konzentrieren, nicht plötzlich loszuzucken. Die Masseuse nimmt es mit Humor, findet es auf jeden Fall so lustig, dass sie sich mit ihrer Kollegin darüber unterhält. „Where are you from?“ „Germany.“ „So you spend your money here…“ Jap, das kann man wohl so sagen. Oder was gibt es noch für Antworten auf diese Frage? ‚Not so much actually, since it’s so cheap‘ wäre mir etwas zu offensiv. Während Papa und Julian sich nach hinten lehnen und kein Zeichen von Kitzel oder Schmerz zeigen, schlage ich mich genau damit herum und beantworte weiter Fragen. Woher ich meine Wunde am Schienbein habe? Da bin ich gegen einen Stuhl gelaufen. Auf den Philippinen. Es war rutschig. An den Reaktionen erkenne ich, dass darüber gelacht wird, allerdings nicht hämisch. Außerdem höre ich sowohl indonesische Wörter („Bule“, das steht ja für weiße Person, wie ich aus Dormzeiten erinnere) als auch chinesische Wörter (ziemlich viele 嗎 „ma“s an den Satzenden der Kollegin neben mir). Die Belegschaft spricht also einen Mischmasch beider Sprachen. Die anderen Gäste im Raum haben entweder die Augen zu oder chillen am Handy, teilweise an zweien gleichzeitig.

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